Als "türkischer Leiharbeiter Ali" sorgte er bereits vor 25 Jahren für Schlagzeilen. In seinem Bestseller "Ganz unten" beschrieb Günter Wallraff die oftmals katastrophalen Arbeitsbedingungen in verschiedenen Unternehmen. Nun war er wieder undercover unterwegs - diesmal als "Frank K." für vier Wochen in der Stromberger Bäckerei Weinzheimer. Und sorgt damit gleich wieder für Aufsehen, denn die Ergebnisse seiner Recherche hatte er vergangene Woche im Magazin der Wochenzeitung "Die Zeit" zusammengefasst.
Die zentralen Vorwürfe Wallraffs: die mangelnden Sicherheits- und Hygienebedingungen in der Bäckerei sowie die Ausbeutung der Arbeitnehmer. Demnach gehörten Brandblasen an Armen und Händen sowie der ständige Kampf gegen Schimmel zum Alltag. Zudem liege der Brutto-Arbeitslohn in der Bäckerei bei 7,66 Euro. Feiertage würden nicht entlohnt werden, was arbeitsrechtlich zwar unzulässig sei. Doch werde aus Angst um den Arbeitsplatz kaum dagegen geklagt. Außerdem werde "oftmals geduldet", dass Arbeitslöhne nur verspätet gezahlt werden. Auch Krankheitstage würden häufig nicht bezahlt - insofern sich Angestellte überhaupt aus Angst um Mobbing und Entlassungen krankschreiben lassen würden.
Preisdruck durch Lebensmittelkonzern
Den Hauptgrund für die schlechten Arbeitsbedingungen sieht Wallraff vor allem im Preisdruck beim Lebensmittelkonzern Lidl, der vor etwa sechs Jahren alleiniger Kunde der Bäckerei wurde. So verkaufe Lidl eine Tüte mit zehn Brötchen für 1,05 Euro. Zwei Drittel davon erhalte Weinzheimer - dafür müsse die Firma frei Haus liefern.
Die Bäckerei selbst weist die Vorwürfe Wallraffs in einer offiziellen Pressemitteilung auf seiner Webseite "mit Entschiedenheit zurück". Geschäftsführer Bernd Westerhorstmann erklärte, die Vorwürfe seien "eine krause Mischung aus angeblichen Fakten und unzulässigen Verallgemeinerungen". So würden die Sicherheitsbestimmungen "strikt eingehalten" und die Mitarbeiter würden regelmäßig über die Standards geschult. Allerdings treffe es zu, dass sich Mitarbeiter nicht an diese Standards gehalten hätten und dafür abgemahnt worden sein.
Betrieb sei nicht zu beanstanden
Bezüglich des Vorwurfs mangelnder Hygiene erklärte das Unternehmen, man würde regelmäßig von den zuständigen Unternehmen und Kunden kontrolliert. Auch die Kreisverwaltung erklärte, man habe bei Betriebskontrollen keine hygienischen Missstände feststellen können. Außerdem sei in der Bäckerei kein Schabenbefall festgestellt worden. Die notwendigen Reinigungsmaßnahmen seien im erforderlichen Rahmen durchgeführt worden - auch aus lebensmittelhygienischer Sicht sei der Betrieb nicht zu beanstanden gewesen.
Ebenfalls unzureichend seien die Vorwürfe verspäteter Lohnzahlungen. So stelle eine Betriebsvereinbarung die regelmäßige Lohnzahlungen sicher. Bei den genannten Stundenlöhnen handele es sich zudem um Grundlöhne, zu denen weitere Zuschläge hinzukämen. In einer weiteren Pressemitteilung wies Westerhorstmann die Vorwürfe gegen Lidl als "völlig aus der Luft gegriffen" zurück, wonach es von der Bäckerei verlangt habe, so billig wie möglich zu produzieren.
Am 21. Mai 2009 liest Wallraff nun im Kulturzentrum Bingen über seine Recherchen bei der Stromberger Großbäckerei. Beginn ist 20 Uhr, Mitarbeiter des Unternehmens erhalten freien Eintritt.
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Erstveröffentlichung am 11.05.2008 |
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