zurück - Drucken


Vatikan im Profil

Der Staat der Vatikanstadt stellt in nahezu jeglicher Hinsicht eine internationale Besonderheit dar. So ist die Enklave im Nordwesten Roms mit 44 Hektar der kleinste souveräne Staat der Welt. Von den 993 Einwohnern besitzen nur 572 einen Vatikanpass. Aufgrund seiner besonderen Situation als katholischer Kirchenstaat besteht seine Bevölkerung mehrheitlich aus Priestern und anderen katholischen Würdenträgern aus aller Welt.

Im Vergleich zu allen anderen nationalstaatlich verfassten politischen Systemen besitzt der Vatikanstaat einen theokratischen Charakter. Das Wesen des Staates besteht darin, sich dem Papst und seinem von Christus verliehenen Auftrag, Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche zu sein, unterzuordnen. Der Vatikan ist eine absolute Wahlmonarchie mit dem jeweiligen Papst als Staatsoberhaupt sowie mit einer eigenen Regierung, Gerichtsbarkeit und Armee. Der Zwergstaat ist dennoch eine kleine Weltmacht, da sich der Papst als moralische Instanz wiederholt zu brennenden sozialen, internationalen und auch ökologischen Fragen der Zeit äußert.

Staatsaufbau

Rechtliche Grundlage des Vatikanstaates sind die Lateranverträge zwischen Italien und dem Heiligen Stuhl vom 11. Februar 1929. Zu diesem Vertragswerk gehören ein Staatsvertrag, ein Konkordat über die Beziehungen zwischen der Kirche und dem Staat in Italien, sowie ein Finanzabkommen. Die Lateranverträge verliehen dem Heiligen Stuhl die völlige Souveränität über sein neues Staatswesen. Damit wurde er für den Verlust des mittelalterlichen Kirchenstaates kompensiert, der 1870 in den italienischen Nationalstaat eingegliedert wurde.

Petersdom in Rom

Petersdom in Rom
© Wolfgang Stuck / GDFL

Zu diesen Verträgen gehört eine Staatsverfassung, die den Charakter des Vatikan bestimmt. So ist der Vatikanstaat die Privatdomäne des Heiligen Stuhls, die vom Papst geleitet wird. Dabei ist der Staat der Vatikanstadt keine unabdingbare Voraussetzung für die Souveränität des Heiligen Stuhls, sondern primär ein Symbol für dessen Unabhängigkeit.

Der Vatikan ist eine absolute Wahlmonarchie, die keine Gewaltenteilung kennt. Staatsoberhaupt ist der Papst - sein offizieller Titel lautet: "Bischof von Rom, Statthalter Jesu Christi, Nachfolger des Apostelfürsten, Oberhaupt der Gesamtkirche, Patriarch des Abendlandes, Primas von Italien, Erzbischof und Metropolit der Kirchenprovinz Rom, Souverän des Staates der Vatikanstadt, Diener der Diener Gottes." Nach katholischer Lehre ist das Petrusamt von Jesus eingesetzt.

Kirchenrechtlich ist die Vorrangstellung des Papstes - der sogenannte Jurisdiktionsprimat - erst im Laufe der Geschichte gewachsen und seit dem Ersten Vatikanischen Konzil 1870 dogmatisch festgelegt. Danach kann der Papst unter bestimmten Auflagen in Glaubens- und Sittenfragen unfehlbare Lehraussagen treffen. Davon wurde jedoch bislang nur einmal Gebrauch gemacht. Rechtlich erstreckt sich der Primatsanspruch des Papstes auf alle Diözesen und jeden einzelnen Katholiken. So ernennt der Pontifex die Kardinäle und Bischöfe; zudem kann er Konzilien einberufen. Darüber hinaus bestimmt der Papst die Mission und die Lehrmeinung der katholischen Kirche. In seinen Enzykliken (Rundschreiben) nimmt er Stellung zu kirchlichen und weltlichen Themen.

Faktisch übergibt der Papst die Verwaltung des Vatikanstaates an den Kardinalstaatssekretär, der alle Vollmachten in den Angelegenheiten weltlicher Souveränität besitzt und damit als Premierminister des Papstes verstanden werden kann. Zudem unterstützt der Kardinalstaatssekretär den Papst auch in der Leitung der Weltkirche sowie in den Beziehungen zu den Ressorts der römischen Kurie.

Mit seiner kanonischen Wahl zum Oberhirten der katholischen Kirche durch das Kardinalskollegium wird der Papst automatisch auch Souverän des Vatikanstaates. Seine legislative und exekutive Gewalt übt er durch eine Kommission aus, die aus sieben Mitgliedern besteht und für fünf Jahre von ihm ernannt wird. Präsident dieser Kommission ist der Kardinalstaatssekretär. Der Laienbeauftragte der Kommission - ebenfalls vom Papst ernannt - ist zugleich auch Verwaltungsdirektor des Vatikans. Er ist Präsident des Staatsrates ("consulta"), der aus 24 Mitgliedern besteht.

Die Amtszeit des Papstes endet erst mit seinem Tod. Das Kirchenrecht sieht jedoch ausdrücklich auch die Möglichkeit eines Rücktritts vor (Can. 332 - § 2. CIC), was in der Geschichte bereits mehrfach vorkam. So dankte Papst Coelestin V. im Jahr 1294 freiwillig ab, Papst Gregor XII. wurde 1415 auf dem Konzil von Konstanz zum Rücktritt gezwungen. Papst Benedikt IX. war gleich dreimal Papst - und wurde dreimal zum Rücktritt gezwungen. Bis zur Wahl eines neuen Papstes im sogenannten "Konklave" werden dessen Amtsgeschäfte vom Kardinalskollegium geführt. Dies organisiert auch die Beisetzung des verstorbenen Papstes und das Konklave für die Wahl des Nachfolgers.

Juristisch wird das Staatssystem des Vatikan von einem Richter geleitet, der im Namen des Papstes handelt. Es besteht ein Gericht erster Instanz, ein Appellationshof und ein Kassationshof. Für den Polizeischutz der Vatikanstadt und einiger exterritorialer Gebiete ist die Zivilgarde des zentralen Sicherheitsamtes zuständig. Die äußere Verteidigung des Vatikans obliegt der Schweizergarde.

Die Finanzen des Heiligen Stuhls sind jedoch so undurchsichtig, dass keiner außerhalb der Vatikan-Mauern weiß, über wieviel Geld der Papst wirklich waltet. Traditionell speisen sich die Kassen des Vatikan vor allem aus Spenden und Zuschüssen, Mieteinnahmen, Verpachtungen, dem Verkauf von Briefmarken und Münzen sowie Finanztransaktionen. Noch unklarer sind die Geschäfte des 1942 von Papst Pius XII. gegründeten Institut für religiöse Werke (IOR). Dieses gilt als eigentliche Vatikan-Bank, legt aber traditionell weder Bilanzen noch Rechenschaftsberichte vor. Eigentümer der Bank ist der Papst, der auch die Gewinne für sich beansprucht.

Mehr als einmal waren die unsauberen Finanzgeschäfte des IOR in die Schlagzeilen geraten - von Geldwäsche, Betrug oder gar Mafia war die Rede. Viele glauben noch heute, dass Papst Johannes Paul I. im Jahr 1978 nach nur 33 Tagen Amtszeit ermordet wurde, weil er die Hintergründe von düsteren Machenschaften der Vatikanbank aufdecken wollte.

Die Vermögenswerte des Vatikans sind jedenfalls ein viel diskutiertes Geheimnis. Dabei reichen die Schätzungen von 1,2 Milliarden Euro bis zwölf Milliarden Euro und mehr. Dazu zählen auch Kunstwerke und Gebäude des Kirchenstaates, die jedoch unveräußerlich sind. Große Teile des Vermögens sind in Wertpapieren und Goldreserven angelegt; hinzu kommen Mieteinnahmen, der Verkauf von Münzen, Briefmarken, Souveniers sowie Abgaben aus der Kirchensteuer der Diözesen und der sogenannte Peterspfennig - eine jährliche Sonderkollekte für den Papst.

Kurzinfo: Schweizer Garde
Die Schweizergarde ist heute das einzig verbliebene päpstliche Armeekorps des Vatikan. Sie sichert den Apostolischen Palast, die Zugänge zur Vatikanstadt und den Eingang zu Castel Gandolfo (Sommerresidenz des Papstes). Zudem ist sie für die persönliche Sicherheit des Papstes verantwortlich. Die offiziellen Kommandosprachen der Garde sind Deutsch und Italienisch. Begründet wurde das Korps am 22. Januar 1506 durch Papst Julius II. Während der Plünderung Roms durch kaiserliche Landsknechte am 6. Mai 1526 ("Sacco di Roma") kamen drei Viertel der Gardisten ums Leben, um Papst Clemens VII. den Rückzug in die Engelsburg zu sichern. Seitdem gilt dieser Tag als Gedenktag für die Garde, an dem die neuen Rekruten vereidigt werden.

Heute umfasst die Garde 110 Soldaten, darunter einige berufsmäßige Offiziere und länger dienende Korporale. Alle Gardisten müssen Schweizer Staatsbürger sein, den Militärdienst in ihrem Heimatland abgeleistet haben und sich für mindestens zwei Jahre verpflichten. Die Uniform in den Farben Rot-Blau-Gelb wurden erst im 20. Jahrhundert von einem Gardekommandanten entworfen und nicht - wie vielfach behauptet - von Michelangelo. Im internen Dienst tragen die Gardisten eine schlichte blaue Kluft. Der silberne Helm und der Kürass sind nur feierlichen Anlässen vorbehalten. Zudem verfügt die Garde über moderne Waffen, wobei die Hellebarde jedoch am auffälligsten ist.

Der Vatikan international

Der Vatikan ist international dauerhaft zur Neutralität verpflichtet. Allerdings ist aber nicht der Vatikan, sondern der Heilige Stuhl bei den meisten internationalen Organisationen akkreditiert. Dabei kommt dem Heiligen Stuhl ein einzigartiger Zwittercharakter zu. Zum einen ist er die zentrale Institution der katholischen Kirche. Andererseits existiert er als nationale und kulturelle Institution in fast allen Ländern und Zivilisationen. Hauptziel des Vatikan bleibt weiterhin die Verbreitung des Glaubens, wobei die katholische Kirche von altersher auch den Begriff des "gerechten Krieges" kennt.

Darüber hinaus unterhält der Vatikan mit rund 170 Staaten diplomatische Beziehungen. Im Dezember 1993 nahm der Vatikan als letzter europäischer Staat diplomatische Beziehungen mit Israel auf. Allerdings residiert der Apostolische Nuntius in Tel Aviv, da Jerusalem vom Vatikan nicht als Hauptstadt des Staates Israel anerkannt wird.

Wichtige Köpfe:

Papst Benedikt XVI.

Papst Benedikt XVI.
© Giuseppe Ruggirello gemäß GDFL

Mit Papst Benedikt XVI. wurde am 19. April 2005 erstmals seit über 480 Jahren wieder ein Deutscher das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche. Seine Wahl ging mit gerade mal 26 Stunden als eines der kürzesten Konklave in die Kirchengeschichte ein. Bereits im Vorfeld war Joseph Kardinal Ratzinger - ehemals Erzbischof von München und Freising - als einer der aussichtsreichsten Favoriten gehandelt worden. Der 265. Papst ist bereits der achte deutsche Pontifex in der Geschichte seit Hadrian VI. 1522/23. Doch lediglich Papst Leo IX. (1049-1054) hinterließ sichtbare Spuren als Reformer und erster echter "Reisepapst". Sein Name steht aber auch für die Spaltung - das "große abendländische Schisma" - zwischen der katholischen und der orthodoxen Kirche im Jahre 1054.

Die Wahl Ratzingers gilt jedenfalls nicht als Generationswechsel im Vatikan. In seiner Zeit als ehemaliger Präfekt der Glaubenskongregation galt er als rechte Hand seines Amtsvorgängers Papst Johannes Paul II. (1978-2005), als konservativer Theologe und als "Chefdenker" des Vatikan. An keinem deutschen Kirchenmann scheiden sich jedoch so sehr die Geister wie an Benedikt XVI. Die meisten und schärfsten Kritiker hat er jedoch in Deutschland.

Aktuelle "Nummer Zwei" des Vatikanstaates ist seit 15. September 2006 der ehemalige Erzbischof von Genua, Kardinal Tarcisio Bertone. Der 71-Jährige ist Nachfolger von Angelo Sodano, der mit 78 Jahren in den Ruhestand ging. Mit Bertone tritt erstmals seit langem wieder ein Kirchenmann an die Spitze des Staatssekretariats, der nicht aus dem diplomatischen Dienst des Vatikan stammt. In seiner Funktion als Kardinalstaatssekretär soll Bertone die Arbeit der verschiedenen Vatikan-Ministerien sowie die Zusammenarbeit mit den weltweiten Organisationen der römisch-katholischen Kirche koordinieren. Zudem fungiert er auch als Chef-Diplomat.

Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone

Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone
© Paolo Benvenuto gemäß GDFL

Bertone wurde am 2. Dezember 1934 in Romano Canavese in der Provinz Turin geboren. Er studierte an den Salesianer-Hochschulen in Rom und Turin und promovierte in Kirchenrecht - 1960 wurde er zum Priester geweiht. Anschließend lehrte er für viele Jahre Recht und Kirchenrecht an der Päpstlichen Salesianer-Universität und der Lateran-Universität. Im Jahre 1991 ernannte ihn Papst Johannes Paul II. (1978-2005) zum Erzbischof der piomentesischen Erzdiözese Vercelli. Von 1995 bis 2002 arbeitete er als Sekretär der Glaubenskongregation eng mit Kardinal Ratzinger zusammen. 2001 leitete er die Wiedereingliederung des schwarzafrikanischen Erzbischofs Emmanuel Milingo, der zeitweise zur Moon-Sekte abgewandert war.

Im Dezember 2002 wurde Bertone Erzbischof von Genua - am 21. Oktober 2003 wurde er zum Kardinal mit der Titelkirche "Santa Maria Auxiliatrice in via Tuscolana" erhoben. Als Oberhirte der ligurischen Metropole machte der leidenschaftliche Fan des Fußballvereins Juventus Turin immer wieder durch sachkundige und prononcierte Kommentare landesweit von sich reden. Zum Jahresbeginn rief er im Streit um die Mohammed-Karrikaturen zur Mäßigung und Versachlichung auf und warnte vor "neuen Kreuzzügen". Außerdem rief er aber auch zum Kaufboykott des inzwischen verfilmten Bestseller-Romans "Sakrileg" (Vorlage für den Film "Der Da Vinci Code") auf. So sei das Buch von Dan Brown nichts anderes als ein Sack voller Lügen.

Vatikan-Infos
Einwohner: 993
Fläche: 0,44 km²
Nationalfeiertag: 19. April
Regionale Gliederung:
   Gebiet um die Peterskirche;
   Sommerresidenz Castel Gandolfo;
   dazu weitere exterritoriale Gebiete und Grundstücke
Währung: 1 Euro (€) = 100 Cent

Aktuelle Informationen:

Hintergrundinformationen:

 Erstveröffentlichung am 25.11.2002


© Tobias Daniel - alle Rechte vorbehalten


zurück - Drucken