Bislang wurde das explosive Thema in Rom nur beflüstert, nun wird die Frage offen gestellt: Wie soll es mit dem Papst und dem Papsttum weitergehen? Darf Johannes Paul II. zurücktreten? Ist umgekehrt ein Papst denkbar, der nicht mehr richtig sprechen kann? Oder soll es künftig Regelungen geben, die einem schwer kranken Papst einen Ausweg aus dem Amt weisen, wenn er es nicht mehr wahrnehmen kann? Eine Grundfeste der katholischen Kirche steht auf dem Prüfstand.
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Petersdom in Rom
© Wolfgang Stuck / GDFL
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Am 1. Februar wurde Johannes Paul II. wegen akuter Atemprobleme ins römische Gemelli-Krankenhaus eingeliefert. Zwar kehrte er nach zehntätigem Aufenthalt in offenbar guter körperlicher Verfassung wieder in den Vatikan zurück - doch sind in der Zwischenzeit Spekulationen über einen Rücktritt des Papstes entbrannt. Dabei waren es nur wenige Sätze, die die Vatikan-Experten in Rom elektrisierten.
So wollte ein Journalist routinemäßig wissen, ob es denkbar sei, "dass der Papst angesichts seines derzeitigen Gesundheitszustands zurücktritt". Zur allgemeinen Überraschung antwortete Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano mit den Worten: "Überlassen wir die Entscheidung über einen Rücktritt dem Gewissen des Papstes". Der gebürtige Piemonteser Sodano gilt allgemein als ruhig und besonnen, der jeden Satz in der Öffentlichkeit sorgsam abwägt.
Tabubruch des höchsten Würdenträgers
Damit brach die Nummer Zwei im Kirchenstaat mit einer eisernen Regel, wonach alle Rücktrittsgerüchte um den Johannes Paul II. kategorisch dementiert werden. Dass ausgerechnet der ranghöchste Kardinal gegen dieses Prinzip verstoßen hat, werteten italienische Zeitungen als Sensation - und als Zeichen dafür, dass die Diskussion über ein Ende des Pontifikats begonnen hat. Scharfe Kritik daran kam bislang nur vom ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti. So sei es in höchstem Maße unkorrekt, das Thema Rücktritt auch nur anzusprechen, sagte der Politiker an die Adresse Sodanos.
Trotz der Genesung war das Thema "Rücktritt des Pontifex" jedenfalls ein Spitzenthema in den römischen Medien. Selbst erfahrenen Vatikan-Kennern war unklar, warum Sodano die Fragen nach einem Abgang nicht wie üblich glatt abbügelte. Zwar vermag der Papst "das Schiff auch auf andere Art und Weise führen". Doch die Botschaft war klar: alles ist möglich - nichts ist mehr ausgeschlossen.
Die Planspiele über das "Undenkbare" sind nicht neu. Schon im Januar 2000 hatte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Lehmann, öffentlich mit dem Tabu gebrochen und den "Rücktritt" in die Debatte geworfen. Doch waren dies nur Spekulationen. Nun könnte es anders sein.
Jahrelang haben Kardinäle, Bischöfe und Prälaten gerne das Bild aufrecht erhalten, der Papst sei zwar körperlich schwach, aber geistig in der Lage, seine Führungsaufgabe wahrzunehmen. Doch angesichts der Auftritte des Papstes während seines Klinikaufenthaltes lässt sich dieses Bild immer weniger vermitteln. "Fin de regne" - "Ende der Herrschaft" nannte selbst die sonst zurückhaltende Pariser Zeitung "Le Monde" die Ereignisse der letzten Tage.
Ein Rücktritt und das Kirchenrecht
Auch wenn der Papst auf Lebenszeit gewählt wird, ist ein Rücktritt des Pontifex nach dem Kirchenrecht dennoch möglich. So heißt es im 1983 von Johannes Paul II. reformierten "Codex Iuris Canonici", dem Gesetzbuch der katholischen Kirche, dass das Kirchenoberhaupt ohne Angabe von Gründen und völlig freiwillig auf sein Amt verzichten kann (Can. 332, § 2). In der zweitausendjährigen Geschichte der Kirche gab es bislang fünf Päpste, die noch zu Lebzeiten aus dem Amt schieden - weil sie aus weltlich-politischen Gründen oder kirchlichen Erwägungen gezwungen wurden oder sich dazu veranlasst fühlten.
Als prominentes Beispiel gilt Papst Coelestin V., der nach nur fünf Monaten sein Amt freiwillig aufgab. Einige Kirchenhistoriker sprechen von einem einfältigen Mann, der kaum Latein konnte. So hätten ihn die Kardinäle nur deshalb zum Pontifex gemacht, weil sie sich nach fast zweijährigem Ringen auf keinen anderen, kompetenteren Kandidaten einigen konnten. Andere gehen davon aus, dass Coelestin von seinem Nachfolger Bonifaz VIII. zum Abdanken gedrängt und in "Klosterhaft" geschickt worden sei. Bereits in den ersten Jahrhunderten wurden Päpste von den römischen Kaisern im Zuge von Machtkämpfen ins Exil gejagt.
Unter Kirchenexperten herrscht jedenfalls Einigkeit, dass sich der Papst im Falle eines Rücktritts sofort und vollständig aus allen Ämtern sowie dem öffentlichen Leben der Kirche zurückziehen müsste. Nur so könne gewährt werden, dass er nicht die Wahl seines Nachfolgers beeinflusst. "Ein Rücktritt ist eigentlich nur denkbar, wenn der Papst sich etwa in ein Kloster zurückzieht", so ein Insider.
Wie verläuft der Wahlprozess?
Ansonsten gelten - so die Fachleute übereinstimmend - die gleichen Regelungen, wie sie das Kirchenrecht für den Tod des Papstes vorsieht. Mit dem Tag des Rücktritts bzw. Todes beginnt die sogenannte Sedisvakanz, in der der Stuhl des Papstes leer steht ("sede vecante"). Hohe Kirchenvertreter (Kardinalstaatssekretär und die Kardinalspräfekten) müssen zurücktreten, während ein Kardinalskollegium - bestehend aus Kardinalkämmerer und drei Kardinalassistenten - die laufenden Amtsgeschäfte übernimmt. Sie besitzen jedoch keine rechtsprechende Gewalt und es dürfen auch keine alten Gesetze in dieser Zeit abgeändert werden. Das Gremium trägt zudem Sorge dafür, dass das Arbeitszimmer und die Privatgemächer des Papstes versiegelt bleiben.
Frühestens nach 15 - spätestens aber nach 20 Tagen - müssen die weltweit rund 120 Kardinäle unter 80 Jahren zur Wahlversammlung (Konklave) unter Michelangelos Jüngstem Gericht in der Sixtinischen Kapelle in Rom zusammentreten. Alle Kardinäle müssen einen Eid ablegen, die Wahlvorschriften zu beachten und das Amtsgeheimnis zu wahren. Der komplette Wahlprozess bleibt streng geheim.
Für die Wahl des Papstes ist eine Zweidrittel-Mehrheit notwendig. Führt der Wahlgang zu keinem Ergebnis, werden alle Stimmzettel mit nassem Stroh in einem kleinen Ofen verbrannt - in einem Schornstein an der Sixtinischen Kapelle steigt schwarzer Rauch auf. Ist der Wahlgang erfolgreich, werden die Stimmzettel mit trockenem Stroh verbrannt - weißer Rauch steigt auf. Papst Johannes Paul II. änderte die Wahlregel jedoch so ab, dass nach 30 erfolglosen Wahlgängen keine Zweidrittel-Mehrheit mehr, sondern die absolute Mehrheit entscheidet.
Kampf um die Nachfolge?
Hinter den Kulissen des Vatikan scheint jedenfalls schon ein Machtkampf über die Nachfolge des derzeitigen Papstes entbrannt zu sein. Auf der einen Seite steht die Fraktion um Kardinalstaatssekretär Sodano, der die Gläubigen langsam und schonend darauf vorbereiten will, dass Johannes Paul II. wegen seiner gesundheitlichen Probleme möglicherweise nicht mehr weitermachen kann. Die andere Gruppe um den mächtigen Kurienkardinal Battista Re lehnt jede Diskussion um einen Rücktritt ab. Damit schüre man nur Verunsicherung unter den Gläubigen und schade der Kirche. Ihren erbitterten Streit tragen die beiden Fraktionen - ein Novum in der jüngeren Kirchengeschichte - auch in der Öffentlichkeit aus.
Eines erscheint derzeit als sicher: Sollte Johannes Paul II. tatsächlich zurücktreten, wird der nächste Pontifex wahrscheinlich nur ein Übergangspapst, der weitgehend die Linie seines Vorgängers fortschreibt. So müsste der neue Papst schon relativ alt sein, Erfahrung in der Kurienarbeit haben und internationale Anerkennung genießen. Kriterien, die sowohl auf Sodano als auch auf den deutschen Kardinal Joseph Ratzinger zutreffen, die rechte Hand von Johannes Paul II. Aber auch die italienischen Kardinäle Dionigi Tettamanzi und Angelo Scola sowie einige Prälaten aus Lateinamerika gelten weiteren als Favoriten für die Papst-Nachfolge.
Außerhalb der Kirchenmauern bringen etliche Katholiken nur wenig Begeisterung für Ratzinger auf. Nach 24 Jahren als Chef der Glaubenskongregation - Nachfolge-Behörde der berüchtigten Inquisition - wirkt der Deutsche wie das Urbild des Glaubenswächters. Hinter dem stets höflichen Auftreten des ehemaligen Theologie-Professors Ratzinger verbirgt sich ein erzkonservativer Intellekt, der theologische Werke auf ihre dogmatische Reinheit überprüft.
"Viele Christen würden seine Wahl als Rückschlag betrachten", heißt es daher in Kirchenkreisen. Andere Kenner der Materie gehen jedoch davon aus, dass Ratzinger eher in Rente gehen würde, als dass er Oberhaupt von 1,1 Milliarden Katholiken wird. Als Vorsitzender des nächsten Konklave dürfte Ratzinger jedoch eine entscheidende Rolle bei der Papstwahl spielen. Grundsätzlich dämpfen jedoch die Kirchenkenner alle Spekulationen mit der Warnung, dass jedes Konklave ein ausgesprochen unberechenbares Ereignis sei - so unberechenbar wie die Frage nach einem Rücktritt von Johannes Paul II.
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Erstveröffentlichung am 11.02.2005 |
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