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Von päpstlichen Peinlichkeiten und einer Telefonzelle


Der Vatikan ist in vielerlei Hinsicht eine Besonderheit. Mit 0,44 km² ist er der kleinste Staat der Welt und liegt inmitten der Stadt Rom. Von den 993 Einwohnern - zumeist Geistliche und kirchliche Würdenträger - besitzen nur 572 die Staatsbürgerschaft des Vatikan. Hinzu kommen etwa 3.000 Angestellte.

Zum Vatikan gehören der Petersdom, der Petersplatz, sowie die Paläste und Gärten innerhalb der vatikanischen Mauern. Das zentrale Bauwerk ist der Petersdom - auch Basilika St. Peter genannt. Er steht auf den Ruinen eines früheren Gotteshauses, dessen Bau vom römischen Kaiser Konstantin I. dem Großen im Jahre 326 geweiht wurde. Um 1450 verfügte Papst Nikolaus V. (1447-1455) diese Basilika abzureißen und durch einen größeren Bau zu ersetzen. Im Jahre 1506 wurde de alte Bau abgerissen und der Grundstein für den neuen Petersdom gelegt, der am 18. November 1626 von Papst Urban VIII. (1623-1644) eingeweiht wurde. Am Bau des Doms beteiligten sich die größten Künstler der damaligen Zeit - darunter der Renaissance-Baumeister Donato Bramante sowie die Künstler Raffael und Michelangelo.

Petersdom
Petersdom
© Wolfgang Stuck gemäß GDFL
Heute ist St. Peter die zweitgrößte christliche Kirche der Welt nach der Basilika Notre-Dame de la Paix in der Elfenbeinküste. Der Petersdom ist zudem ein zentrales Heiligtum und eine der bedeutendsten Pilgerstätten der katholischen Kirche. Der Petersplatz vor dem Dom wurde zwischen 1656 und 1667 vom italienischen Künstler Giovanni Lorenzo Bernini gestaltet. Er wird von 284 Säulen in Vierreihen umfasst - in der Mitte des Platzes steht ein Obelisk aus dem Zirkus, in dem Petrus hingerichtet wurde. Im Fuß des Obelisken soll die Asche des römischen Feldherrn Gajus Julius Cäsar sein, in seiner Spitze ein Teil des Kreuzes Jesu.

Wenn die wahlberechtigten Kardinäle zum Konklave, um einen neuen Papst zu wählen, scließen sie sich in einem der bedeutendsten Gebäude der europäischen Kulturgeschichte ein: der Sixtinischen Kapelle. Die Kapelle wurde zwischen 1477 und 1480 errichtet - weltweit berühmt ist sie jedoch wegen ihrer Fresken. Einige der bedeutendsten Künstler der Renaissance haben an der Ausschmückung mitgewirkt - allen voran Michelangelo. Seit 1870 werden hier vom Kardinalskollegium die Päpste gewählt.

Bis zum 14. Jahrhundert war jedoch der Lateranpalast und nicht der Vatikan der Sitz der Päpste. Ursprünglich bezeichnete er jedoch den "Vatikanischen Hügel" Roms ("mons vaticanus") am rechten Ufer des Tiber. Dort befand sich in der Antike der Zirkus des römischen Kaiser Nero (54-68), in dem die Martyrien und Hinrichtungen zahlreicher Christen und Juden stattgefunden haben sollen. Da der Vatikan über keine eigene Ressourcen wie Ackerland, Bodenschätze oder Energiequellen verfügt, müssen Wasser, Strom, Nahrungsmittel, und sonstige Güter des täglichen Gebrauchs importiert werden. Den größten Ausgabenposten bilden jedoch die Gehälter für die Angestellten sowie deren Renten und die Finanzierung von Auslandsvertretungen.

Die Haupteinnahmequellen des Vatikan sind die Geschäfte innerhalb des Vatikan: die Lebensmittelhändler, Souvenierläden und Spenden. Pro Jahr werden etwa 85 Millionen Euro an den Vatikan gespendet. Andere Einnahmequellen sind der Verkauf von Euro-Münzen und Briefmarken an Sammler sowie das Vermieten von etwa 2.400 Häusern außerhalb des Vatikan. Zudem besitzt der Vatikan Gold, das in New York gelagert ist, Immobilien im Wert von etwa 1,5 Milliarden Euro sowie Kunstschätze von unschätzbarem Wert.

Im Vatikan gibt es nur eine einzige Telefonzelle. Außerdem gibt es auch vatikanische Telefonkarten, die jedoch nur in diesem einen Fernsprecher funktionieren - nicht aber in den italienischen Apparaten. Umgekehrt kann man in dieser Telefonzelle allerdings durchaus auch italienische Telefonkarten benutzen.

Als einziges Staatsoberhaupt der Welt leistet sich der Papst heute noch einen sogenannten Reisemarschall. Herrscher oder Personen des Hochadels bedienten sich eines solchen ranghohen Hofbeamten. Er begleitete Könige, Fürsten und Prinzen und war für die Organisation der Reise zuständig. Ihm unterstand auch das mitreisende Dienstpersonal. Außerhalb des Vatikan ist dieser historische Beruf jedoch ausgestorben. Bei Königshäusern und Regierungen werden dessen Befugnisse von einem Protokollchef wahrgenommen.

Gesellschaft und Militär

Die Staatsbürgerschaft des Vatikan wird immer nur zeitweise vergeben. Sie ist an eine bestimmte Funktion gebunden und ersetzt nie die natürliche Staatsbürgerschaft. Zu den "Vatikan-Bürgern" gehören vor allem die hohen Mitglieder der Kurie, die Mitglieder der Schweizer Garde und die im Vatikan oder in Rom lebenden Kardinäle. Auch die päpstlichen Gesandten in den ausländischen Nuntien erhalten für die Dauer ihres Amtes die vatikanische Staatsbürgerschaft.

Schweizer Garde
Schweizer Garde
© Alberto Luccaroni gemäß GDFL

Wie auch die meisten anderen Staaten besitzt selbst der Vatikan mit der Schweizer Garde eine eigene Armee. Sie sichert den apostolischen Palast sowie die Zugänge zum Vatikan und ist für die Sicherheit des Papstes verantwortlich. Die Garde wurde am 22. Januar 1506 von Papst Julius II. (1503-1513) als Leib- und Papstwache ins Leben gerufen. Heute versieht sie vielmehr Ehren- und Sicherheitsdienste - darunter Audienzen, Besuche, Messen, Schildwache, Kontrollen, Ordnungs- und Wachdienst sowie Personenschutz. Die Aufnahmekriterien für die Rekruten sind:

  • sie müssen katholische Schweizer sowie zwischen 19 und 30 Jahren alt sein;
  • sie müssen mindestens 1,74 Meter groß und körperlich fit sein;
  • sie müssen einen einwandfreien Leumund besitzen sowie die Mittel- oder Berufsschule absolviert haben.

Wissenwertes zur katholischen Kirche
Alleinvertretungsanspruch
Die katholische Kirche erhebt aus theologischen und kirchengeschichtlichen Gründen den Alleinvertretungsanspruch innerhalb des Christentums. Nach kirchlichem Verständnis stehen die Päpste in direkter Nachfolge des Apostels Paulus, der nach biblicher Überlieferung von Jesus als Kirchengründer eingesetzt wurde. Daraus wird abgeleitet, dass der Papst als Stellvertreter Christi auf Erden gilt, dem auch die Vollmacht zugesprochen wird, Sünden zu vergeben. Nach den Kirchenspaltungen der Geschichte erkennen andere Kirchen - wie beispielsweise die orthodoxen Kirchen - das Papst-Primat hingegen ab.

Bischof
Ein Bischof ist in den meisten christlichen Kirchen ein geistlicher Würdenträger, welcher die geistliche und administrative Leitung eines bestimmten Gebietes inne hat. Der Name leitet sich vom griechischen Wort "epískopos" für "Aufseher, Hüter oder Schützer" ab. In der römisch-katholischen Kirche handelt es sich beim Bischofsamt um die höchste Stufe des Weihesakramentes. Das Amt des Bischofs darf nur von Männern wahrgenommen werden. Um dieses Weihesakrament zu erhalten, muss der Priester zuerst zum Diakon und dann zum Priester geweiht worden sein.

Deutsche Bischofskonferenz
Die Deutsche Bischofskonferenz ist das Führungsgremium der katholischen Kirche in Deutschland. Ihr gehören derzeit 69 Bischöfe und Weihbischöfe aus 27 Diözesen an. Sie koordiniert vor allem die Arbeit der Bistümer und entscheidet über grundlegende Fragen der Seelsorge. Zudem pflegt sie den Kontakt zur Kirche in anderen Ländern. Gegründet wurde sie im Dezember 1965 am Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-195) als Nachfolgegremium der Fuldaer Bischofskonferenz. Oberstes Entscheidungsorgan ist die viertägige Vollversammlung, die zweimal im Jahr zusammentritt - im Frühjahr an wechselnden Orten und im Herbst stets in Fulda.

Deutscher Caritasverband (DCV)
Der Deutsche Caritasverband (DCV) ist heute der größte Wohlfahrtsverband Deutschlands und Europas. Er engangiert sich auf allen Gebieten der Gesundheits-, Jugend- und SOzialhilfe und unterhält allein Deutschland mehr als 20.000 Einrichtungen. Dazu zählen Kindertagesstätten, Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen sowie Einrichtungen zur Gesundheits-, Alten- und Behindertenhilfe. Finanziert wird der Verband durch Beiträge und Spenden, kirchliche und staatliche Zuschüsse. Er umfasst 27 Diözesan-Caritasverbände, 17 Fachverbände und mehr als 250 Ordensgemeinschaften; mit über 500.000 hauptamtlichen Mitarbeitern - davon etwa 80 Prozent Frauen - gilt die Caritas als größter privater Arbeitgeber Deutschlands.

Die Weihe selbst erfolgt meist von einem anderen Bischof, der wiederum von zwei weiteren Bischöfen assistiert wird. Die Bischöfe sind dem Jurisdiktionsprimat des Papstes unterworfen; deren Amtszeit gilt normalerweise lebenslang. Gemäß dem Kirchenrecht sind Bischöfe jedoch angehalten, mit dem 75. Lebensjahr dem Papst ihren Amtsverzicht anzubieten - welcher jedoch nicht immer angenommen wird.

Kardinal
Kardinäle sind die höchsten Würdenträger der römisch-katholischen Kirche und unterstützen den Papst beratend in der Leitung der Kirche. Seit dem 12. Jahrhundert haben sie das alleinige Privileg, die Päpste zu wählen. Ihr Wahlrecht endet jedoch mit dem 80. Lebensjahr. Der purpurrote Mantel der Kardinäle gilt als Symbol für ihre Bereitschaft zum Märtyrertod.

Katholische Liturgie
Die katholische Kirche kennt verschiedene Formen der Gottesdienste:

  • Die Heilige Messe zählt zu den wichtigsten Gottesdiensten. Der Begriff Messe leitet sich vom lateinischen Ausdruck "Ite, missa est!" ("Gehet hin in Frieden") ab.
  • In der Eucharistie empfangen die Gläubigen die Kommunion in Erinnerung an das letzte Abendmahl Jesu. Der Begriff leitet sich vom griechischen Begriff "eucharistia" ("Danksangung") ab.
  • Mit dem ökumenischen Wortgottesdienst will die katholische Kirche eine Form eines gemeinsamen Gottesdienstes von Katholiken und Protestanten ermöglichen. Möglich sind hier das gemeinsame Gebet und das Lesen der Evangelien und anderer Bibeltexte. Eine gemeinsame Eucharistiefreier mit Protestanten lehnt die katholische Kirche hingegen ab.
  • Die Vesper zählt zu den regelmäßigen Stundengebeten in den Klöstern und gilt als liturgisches Abendgebet der Kirche. Mit ihr sprechen die Gläubigen ihren Dank für das abgeschlossene Tagesgebet aus.
  • Die liturgische Gebetswache der Vigil entstand aus dem Brauch, die nacht vor größeren Festen mit Gebeten und Bibellesungen zu verbringen - wie beispielsweise die Osternacht. Besonders junge Christen oder ökumenische Gemeinschaften griffen diese Tradition in den vergangenen Jahrzehnten wieder verstärkt auf.
  • Im Angelus - dem lateinischen Wort für "Engel (des Herrn)" - wird die Menschwerdung des Gottessohnes in der Zeit, vorbereitet durch den Verkündigungs-Dialog zwischen dem Erzengel Gabriel und Maria, betrachtet. In der Bibel verkündete der Erzengel Gabriel die Geburt Jesu durch Maria.
Kirchenfinanzierung
In Deutschland besitzen die Kirchen verfassungsmäßig festgeschriebene Recht, von ihren Mitgliedern eine Kirchensteuer zu erheben. Diese gilt als wichtigste Finanzquelle, um die kirchlichen Aufgaben in Seelsorge, Bildung und Sozialwesen wahrzunehmen. Die Höhe der Kirchensteuer richtet sich in der Regel nach der Einkommenssteuer. Allein im Jahre 2009 betrug das Kirchensteueraufkommen in Deutschland für die katholische Kirche etwa 4,9 Milliarden Euro - für die evangelische Kirche waren es rund 4,4 Milliarden Euro. Darüber hinaus beziehen die Kirchen auch finanzielle Leistungen des Staates: so umfassen die sogenannten altrechtlichen Staatsleistungen unter anderem die Übernahme der Gehälter von Bischöfen und Domherren sowie in Ausnahmefällen auch Zuschüsse zum Priestergehalt.

Liturgie
In der katholischen Kirche umfasst die Liturgie (griechisch: "öffentlicher Dienst") die Gesamtheit aller Gottesdienste. Neben der Heiligen Messe zählen auch die Taufe, die Trauung und die Bestattung dazu. Die Formen, Regeln und Vorschriften der Liturgie haben sich jedoch im Laufe der Jahrhunderte verändert, werden aber grundsätzlich vom Papst festgelegt. Dazu gehören auch die Vorgabe bestimmter Gebete oder Regeln zum Ablauf des Gottesdienstes sowie Form und Farbe von Messgewändern. Einen wichtigen Impuls zur Erneuerung der Liturgie setzte auch das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965).

Ökumene
Unter Ökumene versteht man die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen christlichen Kirchen. Seit nunmehr vier Jahrzehnten bemühen sich vor allem die katholische und evangelische Kirche um die Ökumene - die Einheit aller in Konfessionen getrennten Christen. Die beiden Hauptstreitpunkte sind jedoch die Weigerung der katholischen Kirche, die evangelischen Christen an der katholischen Kommunion teilnehmen zu lassen sowie die Weigerung des Vatikan, die Evangelische Kirche formell anzuerkennen. Zurück geht der Begriff auf das griechische Wort "Oikoumene" ("der ganze bewohnte Erdkreis").

Papst
Der Name "Papst" (lateinisch: "papa") ist ein Ehrentitel, der bis ins 7. Jahrhundert allen Bischöfen verliehen wurde. In der Folgezeit wurde er jedoch zunehmend für den Bischof von Rom als Nachfolger des Apostels Petrus reserviert. Damit gilt der Papst als Stellvertreter Christi, Oberhaupt der Gesamtkirche und als Haupt des Bischofskollegiums. Gleichzeitig fungiert er auch als Staatsoberhaupt des Staates der Vatikanstadt. Gemäß des geltenden Kirchenrechtes besitzt der Papst "kraft des Amtes die oberste, volle, unmittelbare und allgemeine ordentliche Gewalt in der Kirche". Zudem ernennt der Papst die Bischöfe und Kardinäle; er bestimmt auch die Mission und die Lehrmeinung der katholischen Kirche.

Nach katholischer Gkaubenslehre gelten die Päpste als direkter Nachfolger des Apostels Petrus, ausgehend von dem Bibelzitat: "Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, as heißt auf den Glauben, den du bekannt hast." Der Name leitet sich vom griechischen Wort "Petros" für "Fels" ab. Seine besondere Bedeutung erwuchs Petrus durch die Lehre von der apostolischen Nachfolge des Bischofsamtes. Demnach sind alle Bischöfe von Rom - und somit auch alle Päpste - direkte Nachfolger von Petrus. Mittelalterlichen Darstellungen des Jüngsten Gerichts zufolge öffnet Petrus mit einem Schlüssel das Himmelstor als Pforte zum Paradies.

Papsthymne
Die Papsthymne wird bei allen Auslandsreisen des Papstes gespielt. Der "Inno e Marcia Pontificale" (Hymne und Pontifikalmarsch) geht auf den französischen Komponisten Charles Gounod (1818-1893) zurück und wurde erstmals am 11. April 1869 vor Papst Pius IX. (1846-1878) zu dessen 50. Priesterjubiläum aufgeführt. In ihrer Langform erklingt die Hymne nur in der Gegenwart des Allerheiligsten Altarsakraments oder des Papstes, bei offiziellen Empfängen fremder Staatsoberhäupter, bei Auslandsbesuchen des Papstes oder seines Gesandten im Ausland gespielt. Beim "Papstmarsch" handelt es sich außerdem um keine Nationalhymne im klassischen Sinne: vielmehr rühmt sie das "unsterbliche Rom der Märtyrer und Heiligen" - gemeint ist damit die katholische Kirche.

Päpstliche Insignien
Seit Jahrhunderten gelten der Fischerring und das Pallium als päpstliche Insignien. Der Siegelring weist den Papst als Nachfolger des Heiligen Petrus aus; der mit Gold eingefasste Schmuckstein trägt den lateinischen Namen des Papstes und das Bild des Apostels, der ein Fischernetz in seinen Kahn zieht. Papst Clemens IV.(1265-1268) verwendete den Fischerring erstmals als Siegel für private Schreiben. Bis ins 19. Jahrhundert wurden auch offizielle Dokumente damit beglaubigt. Heute ist das Abbild des Siegelrings ein Hoheitszeichen des Papstes. Nach dem Tod des Papstes wird der Fischerring vom Kämmerer (Camerlengo) zerstört. Weitere wichtige Insignien des Papstes sind zudem das Pallium, die Ferula und das Papstwappen.

Reformation
Neben der Französischen Revolution und der Renaissance zählt die Reformation zu den wichtigsten politischen und geistesgeschichtlichen Bewegungen Europas. Sie beendete zu Beginn des 15. Jahrhunderts die Vorherrschaft des Papstes - Adel und katholischer Klerus verloren an Macht und es entstanden die protestantischen Kirchen. Zu den theoretischen Grundlagen gehören heute die 95 Thesen, die Martin Luther (1483-1547) am 31. Oktober 1517 an die Schlosskirche von Wittenberg angeschlug. Mit diesen Thesen wandte sich Luther vor allem gegen die Misstände innerhalb der Kirche, den Verkauf von Ablassbriefen und die Käuflichkeit kirchlicher Ämter (Simonie). Dank des Buchdruckes fanden Luthers Schriften schnell Verbreitung in der jeweiligen Landessprache. In der Folgezeit entwickelten sich eigene Nationalsprachen und -kulturen sowie ein neues Schulsystem, das zu einer verbesserten Bildung des breiten Volkes beitrug. Auch die religiösen Beschränkungen des Handels und Bankenwesens wurden aufgehoben, was letztlich den Weg zu einem modernen Wirtschafssystem ebnete.

Segen "Urbi et Orbi"
Der päpstliche Segen "Urbi et orbi" ("der Stadt und dem Erdkreis") gehört heute zu den bekanntesten Riten der katholischen Kirche und geht bereits auf die alten Römer zurück. So setzte das antike Reichsbewusstsein die Stadt ("urbs") mit dem Erdkreis ("orbis") gleich - die Kirche nutzte die Formel erstmals im 13. Jahrhundert als offizielles Ritual. Heute wird der Segen zu feierlichen Anlässen - darunter am Ostersonntag, dem ersten Weihnachtstag oder nach einer Papstwahl - erteilt. Der Segen muss vom Papst als Bischof von Rom und als Oberhaupt der Weltkirche gespendet werden. Mit päpstlicher Erlaubnis dürfen aber auch Kardinäle, Bischöfe oder Priester den Segen spenden. Die Zeremonie ist zudem mit einem Sündenablass für alle Menschen verbunden, die den Segen in gläubiger Haltung direkt in Rom, aber auch am Radio oder am Fernsehen verfolgen.

Selig- und Heiligsprechung
In der katholischen Kirche werden Heilige und Selige als besondere Vorbilder des christlischen Lebens verehrt. Die Seligsprechung erlaubt die offizielle Verehrung eines Verstorbenen in einer bestimmten Region - mit der Heiligsprechung wird die Verehrung auf die gesamte katholische Weltkirche ausgedehnt. Der Antrag auf Seligsprechung wird vom örtlichen Bischof gestellt - das gesamte Verfahren dauert meist mehrere Jahrzehnte, bis der Papst letztlich die Entscheidung trifft. Selten sind solche Selig- und Heiligsprechungen jedoch nicht: allein Papst Johannes Paul II. (1978-2005) nahm während seines Pontifikates 1.338 Seligsprechungen und 483 Heiligsprechungen vor.

Bis zum 6. Jahrhundert entschieden zudem die Gläubigen, wer als Heiliger verehrt wird. Später musste ein Bischof die Heiligsprechung genehmigen. Um die Jahrtausendwende begannen die Päpste, dieses Provileg an sich zu ziehen. Dabei kam es vermutlich anfangs nicht selten zu Kompetenzstreitigkeiten - was vermutlich auch bei Hildegard von Bingen (um 1098-1179) der Fall war. Heute geht der Heiligsprechung ein langwieriges Verfahren voraus; während die Seligsprechung eines Menschen die Verehrung lediglich in eine bestimmten Region erlaubt, dehnt die Heiligsprechung die Verehrung auf die gesamte Weltkirche aus.

Traditionalisten
Als Traditionalisten bezeichnet man für gewöhnlich Anhänger der katholischen Kirche, die sich gegen die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) aussprechen. Derzeit am bekanntesten ist die Piusbruderschaft, die in den 1970er-Jahren um den Erzbischof Marcel Lefebvre entstand. Diese lehnt nicht nur die Liturgiereform des Konzils ab, sondern auch das erneuerte Kirchenverständnis, die Ökumene und die Religionsfreiheit. Als Reaktion auf die Piusbruderschaft wurde 1988 auf Initiative von Papst Johannes Paul II. (1978-2005) die Priesterbruderschaft St. Petrus gegründet. Sie gilt als konzilkritisch und objektiv papsttreu; sie will zudem traditionalistischen Katholiken eine Heimat bieten und diese in die Kirche integrieren. Daneben existieren noch weitere kleinere ultrakonservative Gruppierungen - darunter die "Sedisvakantisten", die alle Päpste nach Pius XII. (1939-1958) für moderne Häretiker halten und den Stuhl Petri daher seit 1958 als unbesetzt (vakant) ansehen.

Tridentinische Messe
Die Tridentinische Messe wird heute vor allem noch von den Traditionalisten in der katholischen Kirche praktiziert. Bei ihr steht der Priester für gewöhnlich mit dem Rücken zur Gemeinde und spricht lateinisch. Zudem gibt es keine Fürbitten und keinen Friedensgruß für die Gläubigen. Die Teilnahme von Laien ist ebeso wenig erlaubt wie moderne Kirchenlieder; stattdessen werden nur gregorianische Choräle gesungen. Diese Form der Messe geht auf eine Liturgiereform des Konzils von Trient (1545-1563) zurück. Im Messebuch Missale Romanum von 1570 wurde der Ritus verbindlich festgelegt. Erst auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) wurde eine neue Form der Gottesdienstfeier beschlossen: Gottesdienste in den Landessprachen und neue Messetexte sollten die Gläubigen zu mehr Beteiligung anregen.

Zentralkomitee der Deutschen Katholiken (ZdK)
Das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken (ZdK) ist das bundesweite Dachgremium der Laien in der katholischen Kirche. Seine Aufgabe ist es, Brücken zu schlagen zwischen der Kirche und der Gesellschaft. Es berät zudem die Deutsche Bischofskonferenz in Fragen des gesellschaftlichen, staatlichen und kirchlichen Lebens. Zudem organisiert das ZdK den Katholikentag sowie den Ökumenischen Kirchentag. Gegründet wurde das ZdK im Jahre 1868 in Bamberg, sein Sitz ist heute in Bonn.

Das Papsttum gestern und heute

Der Papst war früher lediglich der Bischof von Rom. Als "Episkopos" hatte er aber auch die Aufgabe, die Christen zu schützen und ihre Einheit zu festigen. In den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung gehörte Rom neben Jerusalem, Konstantinopel, Alexandria und Antiochia zu den Städten, die in der christlichen Welt eine herausragende Bedeutung hatten. Doch schon in der Spätantike beanspruchte Rom eine Führungsrolle, die den Papst schließlich zum Oberhaupt der katholischen Kirche machte.

Petersdom
Nicolai Schäfer
© cc-by-sa
Die Bischöfe von Rom verstanden sich zudem als Nachfolger des Apostels Petrus. Sie erhielten die Beinamen "papa" und in Anlehnung an die römische Staatsreligion in der Antike den Titel "pontifex maximus". Da der Bischof von Konstantinopel das "Primat" von Rom nicht anerkannte, kam es 1054 zur ersten Kirchenspaltung - dem "Großen Morgenländischen Schisma" - zwischen der katholischen und der Ostkirche, aus der die verschiedenen orthodoxen Kirchen hervorgingen. Im Mittelalter nahm das Machtstreben des Papsttums immer weiter zu. Mit der Bulle "Una Sanctam" begründete Papst Bonifatius VIII. (1294-1303) im Jahre 1302 den theologischen Absolutheitsanspruch des Papsttums. Während des Ersten Vatikanischen Konzils 1870 wurde zudem das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit definiert. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) befindet sich das Papsttum in einem Prozess der Neuordnung allmählichen Strukturen.

Erstmalig wurde der Titel Papst von Siricius (384-399) als Eigenbezeichnung verwendet. Seit Papst Gregor I. der Große (590-604) ist der Titel ausschließlich als Bezeichnung für den Bischof von Rom festgeschrieben. Bis zum Konzil von Konstanz (1414-1418) gab es jedoch immer wieder Streit darüber, wer rechtmäßiger Papst und wer ein sogenannter "Gegenpapst" war. Der bei Amtsantritt wohl älteste Papst aller Zeiten war wohl Hadrian I. (772-795) - er soll als 80jähriger gekrönt worden sein. Noch fast ein Kind war Papst Benedikt IX. - bei seiner Wahl soll er erst elf Jahre gewesen sein. Andere Quellen besagen, dass er bei Amtsantritt 18 Jahre alt war.

Zu den Amtsinsignien des Papste gehören der Fischerring ("Anulus piscatoris") und eine drei Finger breite Stola aus weißer Seide ("Pallium"). Der Ring weist den Papst als Nachfolger des heiligen Petrus aus. Der mit Gold eingefasste Schmuckstein trägt den lateinischen Namen des Papstes und zeigt das Bild des Apostels, der ein Fischrentz in seinen Kahn zieht. Papst Clemens V. (1265-1268) hat den Fischerring erstmals als Siegel für private Schreiben genutzt. Später wurden bis ins 19. Jahrhundert hinein auf offizielle Dokumente damit beglaubigt. Das "Pallium" tragen nur der Papst und die Erzbischöfe zum Zeichen ihres Ranges. Die Ursprünge reichen bis Papst Marcus zurück, der im jahr 336 den Bischof von Ostia damit ausgezeichnet hat. Das mit sechs schwarzen Kruzen geschmückte Band gilt heute als Zeichen der Verbundenheit mit Gott und mit dem Heiligen Stuhl.

Von Schürzenjägern und Fliegenphobien

Hinter den dicken Mauern des Vatikan soll zudem schon so mancher Papst seine Marotten gepflegt. So hegte Papst Pius XI. (1922-1939) eine Leidenschaft für schnelle Autos: 16 Sportwagen standen seinerzeit im Vatikan. Sein Nachfolger Pius XII. (1939-1958) hatte eine Fliegenphobie und hielt stets eine Fliegenklatsche griffbereit. Papst Alexander VI. (1492-1503) aus der berühmten Familie der Borgia frönte weltlichen Genüssen und hatte mit mehreren Frauen sechs Söhne und drei Töchter, die er allesamt in wichtige Positionen hievte. Sein Intimfeind und Nachfolger Julius II. (1503-1513) zeugte als Kardinal drei Töchter und häufte beträchtliche Reichtümer an.

Papst Leo X. (1513-1521) förderte den Ablasshandel, durch den der Bau des Vatikan finanziert wurde und der die Reformation einleitete. Zudem soll bei der Wahl von Papst Innozenz VIII. (1484-1492) soviel Geld geflossen sein, dass die Wahl faktisch gekauft war. Papst Johannes VIII. (872-882) ging als erster Pontifex in die Geschichte ein, der ermordet wurde. Von den bislang 265 Päpsten wurden fünf ermordet, vier landeten im Gefängnis und einer wurde öffentlich ausgepeitscht. Einer wurde im Kampf tödlich verletzt und einem weiteren fiel die Zimmerdecke auf den Kopf. Papst Urban VIII. (1623-1644) hatte so große Angst um sein Leben, dass er Astrologen mit der Anfertigung von Horoskopen seiner Kardinäle beauftragte. Damit wollte er herausfinden, wer ihm gefährlich werden könnte.

Bedeutende Päpste
Als einer der bedeutendsten Päpste gilt Gregor I. der Große (590-604). Der jüngste der vier lateinischen Kirchenlehrer der Spätantike entstammte vermutlich der römischen Patrizierfamilie der Anicier. Als "Möchspapst" bezeichnete sich Gregor auch als "Knecht der Knechte Gottes" und schrieb den Titel "Papst" als ausschließliche Bezeichnung für den Bischof von Rom fest.

Zu den wichtigsten Kirchenoberhäuptern des Mittelalters zählt Papst Innozenz III. (1198-1216). Ein wichtiges Ziel seines Pontifikates war die juristische Fixierung des Papsttums und dessen endgültige Etablierung als weltliche Macht. So verdoppelte er den kirchlichen Besitz des Kirchenstaates, während er seine Herrschaft im Innern durch geschickte Familienpolitik bzw. Nepotismus. Zudem befürwortete Innozenz III. die Kreuzzüge und förderte neugegründete Orden wie die Humiliaten, die Dominikaner oder Franziskaner.

Eine der schillerndsten Päpste war der Renaissancefürst und Machtpolitiker Alexander VI. (1492-1503). Der gebürtige Spanier entstammte der Adelsfamilie der Borgia und galt als lebenslustig, sinnlich und machtbewusst. Zu seinen prominentesten Kritikern gehörte der Dominikanermönch Girolamo Savonarola (1452-1498); dieser sorgte für besonderes Aufsehen mit seiner Kritik am Lebenswandel des herrschenden Adels und Klerus. Innerkirchlich wirkte Alexander für eine geordnete Verwaltung und des Kirchenstaates. Zudem engagierte sich der Borgia-Papst für die Mission Südamerikas: mit dem Vertrag von Tordillas von 1494 teilte Alexander die Welt zwischen den beiden konkurrierenden Seemächten Spanien und Portugal neu auf.

Papst Julius II. (1503-1513) wurde durch seine Kriegszüge, sein politisches und individuelles Machtstreben sowie sein großzügiges Mäzenatentum bekannt. Im Jahre 1506 legte er den Grundstein für den Bau des Petersdoms - einen der größten Kirchenbauten der Welt. Im gleichen Jahr begründete er mit der Schweizergarde die heutige Leibwache des Papstes. Während seines Pontifikates verstand sich Julius II. vor allem als weltlicher Territorialfürst und weniger als Kirchenoberhaupt.

Mit 31 Jahren und acht Monaten ist das Pontifikat von Papst Pius IX. das längste in der Geschichte der katholischen Kirche. Papst Pius veröffentlichte zahlreiche theologische Schriften, darunter die Enzyklika Ubi primum mit dem Dogma der unbefleckten Empfängnis. In seiner Enzyklika Quanta Cura vom 8. Dezember 1864 verurteilte Pius scharf die Religionsfreiheit und die Trennung von Kirche und Staat. Gleichzeitig veurteilte das Syllabus Errorum insgesamt 80 Aussagen als falsch; zu den vom Papst definierten Irrtümern gehörten auch der Naturalismus, Sozialismus und Kommunismus. Den Höhepunkt seines Pontifikats bildete hingegen das Erste Vatikanische Konzil von 1869/70, auf dem auch das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit verkündet wurde. In sein Pontifikat fällt auch das Ende des Kirchenstaates im Sommer 1870, worauf sich Pius zum Gefangenen im Vatikan erklärte.

Sein Nachfolger Papst Leo XIII. (1878-1903) ging als ausgesprochen politischer Papst in die Geschichte ein. Dessen Ziel war es, die katholische Kirche aus der selbst gewählten Isolierung gegenüber den neuen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen herauszuführen. Wegen seiner Anteilnahme an sozialen Fragen handelte sich Leo XIII. auch die Bezeichnung "Arbeiterpapst" und den Beinamen "der Soziale" ein. So wurde am 15. Mai 1891 die erste Sozialenzylkika "Rerum Novarum" veröffentlicht, womit der Papst die Katholische Soziallehre maßgeblich aufwertete. Insgesamt veröffentliche Papst Leo XIII. während seines Pontifikates 86 Enzykliken.

Besonders umstritten war Papst Pius XII. (1939-1958) wegen seiner Haltung zum Nazi-Regime in Deutschland und den Verbrechen des Holocaust. Ausgelöst wurde die Debatte maßgeblich von Rolf Hochmuths Drama "Der Stellvertreter" aus dem Jahre 1963. Der Hauptvorwurf gegen den Papst lautet seitdem, er habe trotz zahlreicher Bitten um öffentlichen Protest gegen den Holocaust dennoch geschwiegen - ob nun aus Gleichgültigkeit, Deutschfreundlichkeit oder aus Angst gegenüber den Kommunisten. Durch die heutige Quellenlage werden viele Kritikpunkte zwar widerlegt oder relativiert - dennoch erschwert sie immer noch eine objektive Beurteilung von Pius XII. So sind die Quellen aus seiner Zeit als Nuntius in Deutschland (1920-1929), als Kardinalstaatssekretär (1930-1939) und als Papst heute noch teilweise verschlossen.

Mit Papst Johannes Paul II. (1978-2005) wurde erstmals ein Slawe sowie der erste Nichtitaliener seit über 450 Jahren zum "Stellvertreter Christi" gewählt. Im Fernsehzeitalter genoß der Pontifex wie kein anderer seiner Vorgänger den Ruf des "Medienpapstes", dem heute eine maßgebliche Rolle bei der Überwindung des Sozialismus in seinem Heimatland Polen zugeschrieben wird. Der frühere sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow schrieb zudem in seinen Memoiren, dass die Ereignisse in Osteuropa ohne den polnischen Papst nicht möglich gewesen seien. Während Johannes Paul II. innerkirchlich eine strikt konservative Haltung einnahm, setzte er sich im Gegensatz zu seinen Vorgängern verstärkt für den Interreligiösen Dialog ein - besonders mit dem Judentum und dem Islam. Auch die Ökumene mit anderen christlichen Konfessionen war ihm ein besonderes Anliegen.

Die Päpste des 20. Jahrhunderts

  • Papst Leo XIII. (1878-1903) führte die katholische Kirche ins 20. Jahrhundert und galt innerkirchlich als Reformer. Die erste Sozialenzyklika "Rerum novarum" von 1891 wurde zum Bezugspunkt der katholischen Soziallehre.
  • Papst Pius X. (1903-1914) kam durch Einmischung des österreischischen Kaisers auf den Papstthron und verbot daher 1904 die Intervention staatlicher Stellen in die Papstwahl. Im Jahre 1908 reformierte er die Kurie und führte scharfe Auseinandersetzungen mit den Reformkatholiken.
  • Papst Benedikt XV. (1914-1922) wahrte im Ersten Weltkrig strikte Neutralität und versuchte zwischen den Kriegsparteien zu vermitteln - allerdings erfolglos. Innerkirchlich veröffentlichte er mit dem "Codex Iuris Canonici" ein neues Rechtsbuch.
  • Papst Pius XI. (1922-1939) schloss 1929 die Lateranverträge mit der faschistischen Regierung Italiens, in denen die Souveränität des Vatikan festgeschrieben wurde. 1937 wies er in der Enzyklika "Mit brennender Sorge" auf die Bedrohung durch den Nationalsozialismus hin. Zudem bleibt Pius XI. auch als "Missionspapst" in Erinnerung.
  • Papst Pius XII. (1939-1958) ist der umstrittenste Papst des Jahrhunderts. Historiker werfen ihm vor, zum Holocaust und zu den Verbrechen der Nationalsozialisten in Europa geschwiegen zu haben. 1949 stellte er jede Unterstützung des Kommunismus unter die Strafe der Exkommunikation.
  • Papst Johannes XXIII. (1958-1962) war als "Übergangspapst" angetreten. Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil setzte er jedoch überraschend einen tiefgehenden Reformprozess in der katholischen Kirche in Gang. Wegen seiner Herzlichkeit und Volksnähe wurde er in Italien der "gute Papst" genannt.
  • Papst Paul VI. (1962-1978) setzte den Reformprozess des Konzils fort und förderte die Internationalisierung der Kirche. Zudem war Paul VI. der erste Papst, der auch ferne Länder bereiste und vor der UNO in New York sprach. In Erinnerung ist er zudem mit seiner Enzyklika "Humanum Vitae", die den Schutz des ungeborenen Lebens und das Verbot der Anti-Baby-Pille festschrieb.
  • Papst Johannes Paul I. (1978) starb bereits nach 33 Tagen im Amt. Gerüchte über einen unnatürlichen Tod wurden nie bewiesen, sind aber auch bis heute nicht verstummt. In Erinnerung bleibt er vor allem als der "lächelnde Papst".
  • Papst Johannes Paul II. (1978-2005) war der erste Pontifex aus Polen sowie der erste Nichtitaliener auf dem Stuhl Petri seit über 450 Jahren. Im TV-Zeitalter galt er als genialer "Medienpapst". Am 1. Mai 2011 wurde der selig gesprochen.
Mit dem Tod von Johannes Paul II. (vormals Karol Wojtyla) am 2. April 2005 endete zudem das mit 26 Jahren und fünfeinhalb Monaten drittlängste Pontifikat in der Geschichte der katholischen Kirche. Nur Papst Pius IX. (1846-1878) und Simon Petrus (ca. 33-67) selbst waren noch länger im Amt. Wojtyla war zum Zeitpunkt seiner Wahl am 16. Oktober 1978 als 264. Papst der erste Pole auf dem Papstthron sowie der erste Nichtitaliener seit 455 Jahren. Auf seinen 104 Auslandsreisen besuchte er 129 Länder und hielt 2.382 Reden. Insgesamt legte Johannes Paul II. auf seinen Reisen 1.162.615 Kilometer zurück.

Ebenfalls ein Rekord: er veranlasste 482 Heilig- und 1.338 Seligsprechungen, er ernannte 232 Kardinäle, er verfasste 14 Enzykliken, 15 apostolische Mahnbriefe, apostolische Verfassungen, 42 apostolische Briefe sowie zahlreiche Reden. Insgesamt umfassen seine Schriften etwa 80.000 Seiten in 54 Bänden. Zugleich verdoppelte der Vatikan während seines Pontifikats die Zahl der Länder, die mit dem Vatikan diplomatische Beziehungen unterhalten - darunter seit 1993 auch Israel.

Kaum ein Papst war auch so umstritten wie Johannes Paul II. Innerkirchlich wegen seiner konservativen Haltung kritisiert, machte er sich nach außen um den Dialog zwischen den Religionen und um den Fall des Kommunismus in Europa verdient. Trotz der historischen Bedeutung von Papst Johannes Paul II. wünschen sich viele einen Nachfolger, der Reformen einleitet und neue Impulse setzt. Die zentralen Streitpunkte:

  • Demokratie und Kirche: Reformorientierte Katholiken kritisieren, dass Wojtyla die Kirche zu sehr zentralisiert habe. Sie werfen dem Vatikan vor, liberale Strömungen zu unterdrücken und Kritiker ausgeschlossen zu haben.
  • Mann und Frau: Viele Katholiken wünschen sich von einem neuen Papst, dass er die Rolle der Frauen innerhalb der Kirche stärkt. Dies beinhaltet auch die Priesterweihe für Frauen, das Ende des Zölibats und das Ende einer Verurteilung von Homosexuellen.
  • Leben und Tod: Einige katholische Organisationen wünschen sich von einem neuen Papst weniger strikte Positionen. Sie werfen dem Vatikan vor, durch die Ablehnung von Verhütungsmitteln für die Ausbreitung von AIDS in der Dritten Welt mitverantwortlich zu sein. Auch das rigide Verbot von Abtreibungen sollte gelockert werden.
  • Katholizismus und andere Religionen: Johannes Paul II. galt zwar als Papst, der große Schritte hin zur Verständigung mit anderen Konfessionen und Kirchen gemacht hat. Kritiker monieren aber, dass er mit dem Lehrschreiben "Dominus Jesus" eine Kehrtwende vollzog. Darin wurde die katholische Kirche als einzig wahre Kirche bezeichnet sowie das Abendmahl zwischen Katholiken und Protestanten ausgeschlossen. Auch hier werden vom neuen Papst neue Initiativen erwartet.
Papst Benedikt XVI. jedenfalls hatte bereits in der ersten Messe nach seiner Wahl öffentlich den Willen zum Dialog mit anderen Religionen bekundet. Er sei bereit, "alles in seiner Macht Stehende zu tun, um das Grundanliegen der Ökumene voranzubringen". Damit rat er Befürchtungen entgegen, er könne als Oberhaupt der katholischen Kirche den Reformdiskussionen entgegen stehen und anderen Kulturen den Rücken kehren. Ganz in der Tradition seines Vorgängers will Benedikt XVI. zudem den Kurs seines Amtsvorgängers weiterführen, indem er die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils vorantreiben und auf die Jugend zugehen will.

Kurzinfo: Kirchenstaat
Der Kirchenstaat bezeichnete das weltlich-politische Herrschaftsgebiet des Papstes und existierte zwischen 756 und 1870. Rechtliche Grundlage war die "Pippinische Schenkung". Während seiner größten Ausdehnung umfasste er im 15. Jahrhundert weite Teile Mittelitaliens. Mit der Einigung Italiens fand der Kirchenstaat am 20. September 1870 mit der Einnahme durch italienische Truppen sein Ende. Papst Pius IX. erklärte sich fortan zum "Gefangenen des Vatikan". Erst am 11. Februar 1929 konnte die "Römische Frage" mit den Lateranverträgen geklärt werden. Dabei wurde dem Staat der Vatikanstadt wieder die politische Unabhängigkeit und volle staatliche Souveränität garantiert.

Weitere Informationen:

 Erstveröffentlichung am 22.04.2005


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