An das Jonglieren mit Millionen, Milliarden und Billionen haben sich die Türken in den letzten Jahrzehnten gewöhnt. Denn aufgrund der Inflation erreichten die türkischen Banknoten in den letzten Jahren zwar Millionenwerte, verloren gleichzeitig aber immer an Wert. Türkische Geldboten schleppten dicke Noten-Bündel mit sich herum, Taschenrechner gaben angesichts der Trillionenwerte den Geist auf, Buchhalter plagten sich mit endlosen Zahlenkolonnen und die Analysten im Istanbuler Bankenviertel verzweifelten angesichts eines Bruttoinlandsproduktes mit 18 Zahlen.
Zum Beginn des Jahres hat sich die Türkei jedoch mit einem Schlag der Papiermillionäre entledigt und mal eben sechs Nullen bei der Landeswährung gestrichen. Über Nacht wurde somit aus einer Million alter türkischer Lira (TL) eine einzige neue Lira (YTL). Demnach kostet heute eine Straßenbahnkarte in Istanbul nun eine Lira statt bislang eine Million, ein Kaffee kostet nun drei Lira statt bislang drei Millionen. Außerdem sollen die neuen Banknoten schwerer zu fälschen sein.
Damit hat sich die Türkei wieder stolz in die Reihe der Länder mit einer harter Währung eingereiht. Bereits am ersten Tag nach dem Wegfall der Nullen notierten die türkischen Devisenmärkte den Dollarkurs bei 1,35 Lira. Einen solchen "Traumkurs" gab es zuletzt 1941. Auch im Vergleich zum Euro kann sich die "schlanke" Lira sehen lassen. So kostet ein Euro derzeit 1,76 Neue Türkische Lira.
Mit der Währungsreform will die Türkei signalisieren, dass sie die Zeiten der Hyperinflation hinter sich gelassen und nun eine Ära der wirtschaftlichen Stabilität begonnen hat. So lag die Teuerungsrate in den achtziger und neunziger Jahren oftmals bei über 100 Prozent. Derzeit liegt die türkische Inflationsrate bei zehn Prozent - Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan will die Rate jedoch bis 2007 auf vier Prozent drücken. Nachdem die Türkei 2001 sogar vor dem Bankrott stand, leitete die Regierung eine Reihe von Reformen ein, die für mehr Wirtschaftswachstum sorgen und die Staatsfinanzen stabilisieren sollen. Mit einem Kredit des Internationalen Währungsfonds über zehn Milliarden Dollar soll zudem der Umbau der Wirtschaft angetrieben werden.
Probleme mit dem Kleingeld
Die Geschäftsführerin der Türkisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer (TD-IHK), Gülay Yasin, freut sich über die Währungsreform: "Nun muss ich nicht mehr hundert Millionen Lira auf den Tisch legen, nur um ein paar Schuhe zu kaufen." Dies sei nicht nur für die Verbraucher, sondern letztlich auch für die Urlauber eine große Erleichterung. Rund zwei Drittel der Türken halten Meinungsumfragen zufolge die Währungsreform für richtig und begrüßen sie. Fast 60 Prozent glauben aber auch, dass sie Schwierigkeiten im Umgang mit dem neuen Geld haben werden.
Nach Angaben der Behörden verlief die Einführung der neuen Währung reibungslos, meldete die türkische Nachrichtenagentur Anadolu. Alle Bankautomaten stellten zum Jahreswechsel reibungslos auf die neue Lira um. Allerdings gelten in der Übergangszeit bis Ende 2005 beide Währungen parallel, was durchaus nicht unproblematisch ist.
Vielen Menschen bereitet das neue Münzgeld durchaus Probleme. Denn was dem Euro die Cents sind, nennt sich in der Türkei nun Kurus (phon: Kurusch) - Münzen, die viele junge Türken nur noch aus Erzählungen der Eltern und Großeltern kannten. So entspricht eine neue türkische Lira 100 Kurus. In der alten Währung gibt es für den Kurus jedoch keine Entsprechung - und hier beginnt das Verwirrspiel. So hatte die kleinste Münze vor der Währungsumstellung einen Wert von etwa 25.000 Lira.
Da beide Währungen noch für ein Jahr gemeinsam im Umlauf bleiben, sollten vor allem Euro-Touristen bei ihrem nächsten Türkei-Urlaub nicht wundern, wenn sie im Supermarkt oder in der Straßenbahn einen bunt gemischten Strauß Wechselgeld herausbekommen: Blanke neue 10- oder 50-Kurus-Münzen zusammen mit alten abgewetzten alten Lira-Scheinen. Einen besonders schweren Stand haben zudem auch die fliegenden Händler, deren Umsätze sich im Kleingeldbereich bewegen.
Millionen-Betrug durch neue Münzen?
Doch neben solchen alltäglichen Problemen wird durch die Währungsreform nun auch in Deutschland mit millionenschweren Betrügereien an den Zigaretten- und Süßigkeitsautomaten gerechnet. Einem Bericht der türkischen Zeitung "Hürriyet" zufolge akzeptierten viele Automaten in der Bundesrepublik und in anderen westeuropäischen Staaten auch die Ein-Lira-Münze. Diese ist etwa so groß wie die Zwei-Euro-Münze, entspricht aber etwa 55 Euro-Cent.
Auf diese Weise könnten nun kostengünstig Zigaretten und Süßigkeiten aus den Automaten gezogen werden. Laut "Hürriyet" sei dadurch bereits ein Schaden in Millionenhöhe entstanden. Lediglich in Österreich seien die etwa 300.000 Automaten rechtzeitig umgestellt worden. Experten hatten schon in den vergangenen Monaten gewarnt, dass diese Ähnlichkeiten der Münzen zu Verwechslungen führen könnten.
Der Verband der Deutschen Automaten-Industrie (VDAI) widersprach jedoch dieser Darstellung. VDAI-Justiziarin Doreen Kreutz sagte, es gebe "kein großes Problem", da die modernen Automaten die türkischen Münzen erkannten, weil diese nicht magnetisch seien. Lediglich bei älteren Geräten könne es vereinzelt Schwierigkeiten geben, doch seien die meisten Automaten bereits bei Euro-Einführung umgerüstet und modernisiert worden.
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Erstveröffentlichung am 24.01.2005 |
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