Westbindung nicht selbstverständlich
In der Folgezeit war die Westorientierung der Türkei jedoch innenpolitisch längst nicht mehr unumstritten. So wurde nicht nur die vollständige politische Integration in Frage gestellt - es begann auch eine Diskussion über die wirtschaftliche Bandbreite. Die Befürworter meinten, dass die Assoziierung mit der EWG der heimischen Industrie ankurbeln würde, während die Gegner genau das Gegenteil befürchteten - nämlich den Ruin der türkischen Wirtschaft. 1978 entschied der damalige türkische Regierungschef Bülent Eçevit, die Beziehungen zwischen der Türkei und der EG für fünf Jahre einzufrieren. Der absolute Tiefpunkt im Verhältnis zwischen beiden Seiten war erreicht. Erst nach dem Militärputsch von 1980 versuchte Ministerpräsident Turgut Özal die Beziehungen der Türkei zu Europa wieder neu zu beleben.
Die Europäische Union zögert
Doch gestaltete sich die Partnerschaft zwischen beiden Seiten weitaus schwieriger als erwartet. Am 14. April 1987 übergab die Türkei einen Antrag auf Vollmitgliedschaft in der Europäische Gemeinschaft. Während weite Kreise der türkischen Politik und Wirtschaft diesen Schritt befürworteten, fiel die Reaktion in den EG-Mitgliedstaaten aber eher verhalten aus. Zweieinhalb Jahre später - am 18. Dezember 1989 - machte die EG-Kommission in einem Bericht klar, dass ein Beitritt vorerst nicht in Frage kommen würde. Folgende Gründe gaben die Kommissare für ihren negativen Bescheid an:
Besonders die USA reagierten auf diesen Beschluss mit Unverständnis. Denn nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Zusammenbruch der UdSSR gewann die Türkei an erheblichem Einfluss im Mittelmeerraum. So entwickelte die Türkei gute politische und wirtschaftliche Beziehungen zum islamisch geprägten Albanien und zu Mazedonien. Die Beziehungen zu Bulgarien hatten sich deutlich verbessert und belebt, nachdem die Situation für die dortige moslemische Minderheit verbessert wurde. Das Überleben Bosnien-Herzegowinas war und ist noch immer ein besonderes Anliegen der Türkei. Während des Kosovo-Konfliktes beteiligte sich die Türkei zudem mit eigenen Kontingenten an der KFOR. Mit der Unabhängigkeit der zentralasiatischen Staaten - insbesondere Aserbaidschans oder Turkmenistans - hatte sich die geopolitische Rolle der Türkei verändert. So hat sich das Land am Bosporus seit 1990 im Mittleren Osten stärker engagiert als jemals zuvor.
Dennoch behielt die Türkei immer ihre traditionelle Westbindung und Loyalität gegenüber den NATO-Partnern bei. Dies beruht nicht zuletzt darauf, dass die Türkei eher erfolglos versuchte,sich politisch und militärisch stärker der arabischen Welt anzunähern. Zu sehr wirken noch die osmanische Vergangenheit sowie die Tatsache nach, dass die Türkei zu den ersten Staaten gehört, die Israel völkerrechtlich anerkannten.
Die EU geht auf die Türkei zu
Im Herbst 1999 änderte die EU schließlich ihre Position gegenüber der Türkei. Seitdem macht sie eine türkische Vollmitgliedschaft von der Erfüllung der "Kopenhagener Kriterien" abhängig:
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Zypern als Streitpunkt
Wie ein roter Faden durch die türkische Außenpolitik ziehen sich auch die gespannten Beziehungen zum EU-Mitglied Griechenland, die in der Vergangenheit besonders durch ungeklärte Territorialfragen in der Ägäis geprägt waren. Zudem gehört die Türkei neben Griechenland und Großbritannien zu den Garantiemächten Zyperns. Nach den zunehmenden Spannungen zwischen griechischen und türkischen Zyprioten sah sich die Türkei schließlich im August 1974 dazu veranlaßt, rund 40 Prozent der Insel zu besetzen. Die Folge: Zypern blieb geteilt, seitdem sind UN-Truppen entlang der Demarkationslinie - sog. "Attila-Linie" - stationiert. Vermittlungsversuche seitens der UNO blieben bislang erfolglos.
Mit der neuen türkischen Regierung unter Ministerpräsident Abdullah Gül scheint jedoch wieder Bewegung in die Beziehungen zwischen der EU und der Türkei zu kommen. Mit drastischen innenpolitischen Reformen soll die Türkei nun für eine EU-Mitgliedschaft fit gemacht werden. Der prowestliche Kurs soll weitergeführt werden. Eine Verbesserung der Beziehungen zu Griechenland und die Lösung des Zypern-Problems werden angestrebt.
Allerdings sehen viele Türken in der neuen internationalen Rolle ihres Landes eine Chance, dass die türkische Außenpolitik von ihrer Fixierung auf die Beziehungen zur EU stärker abrücken könnte. Und sollten der Türkei weiterhin die Tore zu einer Vollmitgliedschaft in der EU versagt bleiben, so könne die Türkei als regionale Großmacht ihr Verhältnis zur EU auf der Basis politischer, wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Interessen neu regeln.
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Erstveröffentlichung am 20.01.2003 |
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