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Urlaub im Katastrophengebiet?


Am Straßenrand des Ferienortes Khao Lak stapeln sich die Leichen, im Krisenzentrum von Phuket Town suchen Menschen nach ihren Angehörigen - doch für einige Touristen am Sun Beach auf der Westseite der thailändischen Ferieninsel Phuket ist schon wieder der Urlaubsalltag einkehrt. Selbst der niederländische Innenminister Johan Remkes macht trotz der Katastrophe in Südostasien noch immer Urlaub auf der thailändischen Insel Koh Samui.

Ob ausgelöschte Feriendörfer, im Meer treibende Leichen oder zerstörte Infrastruktur - kaum jemand kann sich derzeit vorstellen, in den südostasiatischen Katastrophengebieten derzeit Urlaub zu machen. Und dennoch: rund 160 Kilometer südlich von Bangkok kosten die Hotelzimmer inzwischen das Doppelte. In Pattaya an der Ostküste Thailands wimmelt es derzeit von sonnenhungrigen Europäern. So versuchen manche, die eben noch in Phuket waren, hierhin zu kommen, wo die Strände noch sauber sind und die Flutkatastrophe nur ein Fernsehbild ist. Andere, die ihren Urlaub in Thailand gebucht haben, buchen dorthin um. Viele Touristen wollen noch ihren Urlaub retten - sie wollen feiern, baden und ausschlafen.

Tourismusbranche unter Schock

Zerstörungen in Phuket nach dem Beben
Zerstörungen in Phuket nach dem Beben
© Thorfinn Stainforth gemäß cc-by-sa
Dennoch beherrscht die Flutwelle in Südostasien mit ihren weiter steigenden Opferzahlen die Medien. Eine der größten Naturkatastrophen in der Geschichte brachte unvorstellbares Leid über Bewohner und Urlauber in den Tropenparadiesen Asiens. Die Auswirkungen auf die Tourismusbranche sind kaum abzuschätzen. So platzte die Katastrophe in eine Zeit der Aufbruchstimmung. Gerade hatte sich die Urlaubsindustrie von den Terroranschlägen des 11. September 2001 erholt. Auch die tödliche Lungenkrankheit SARS, die Terroranschläge von Bali und die Vogelgrippe konnten den Urlaubstrend nach Asien nur vorübergehend stoppen.

Allein in diesem Sommer flogen schon ein Viertel mehr Deutsche nach Asien als in den Vorjahren. Noch stärker legte der innerasiatische Flugverkehr zu. Nach den massiven Zerstörungen durch die Flutwellen müssen sich Thailand, Sri Lanka, Indonesien oder Malaysia nun wieder auf empfindliche Einbrüche einstellen. "Das ist ein schwerer Schlag für die Branche", sagte Tsuneo Nishiyama vom größten japanischen Reisebüro Japan Travel Bureau. So rechnete allein Thailand für den Winter mit einem Besucherplus von 15 Prozent aus Nippon - ein Zuwachs, der nach dem Beben wohl dahin sein dürfte.

Mit der Tourismusbranche und der Fischerei haben die Flutwellen zwei der wichtigsten Wirtschaftssektoren Südostasiens getroffen. Während in Indien die großen Städte weitgehend verschont blieben und meist nur abgelegene Gebiete überschwemmt wurden, sind in Thailand, Sri Lanka und Malaysia wichtige Küstenabschnitte teilweise völlig zerstört. Allein Thailand wird mit einem Schaden von 100 Millionen US-Dollar (etwa 75 Millionen Euro) etwa 0,1 Prozentpunkte seines Wirtschaftswachstums einbüßen, erläutert Chua Hak Bin von der DBS Bank in Singapur.

Thailands Tourismusminister Sonthaya Khunpluem rechnet in diesem Jahr mit etwa einem Viertel weniger Touristen. Allein 200.000 der insgesamt drei Millionen Arbeitsplätze in der Tourismusindustrie könnten davon betroffen sein. So schätzt Khunpluem, dass es etwa zwei Jahre dauern wird, bis sich die betroffenen Regionen wieder erholt haben. Im Gegensatz zu Khao Lak oder Phuket sind die beliebten Reiseziele an den Küsten des Golfes von Thailand allerdings ebenso wenig betroffen wie das Binnenland oder die Hauptstadt Bangkok. Schon jetzt weichen viele Touristen auf diese Gebiete aus.

Sri Lanka am schwersten getroffen

Neben der indonesischen Insel Sumatra wurde auch der Inselstaat Sri Lanka am stärksten von der Flutwelle getroffen. Nach langen Jahren des Bürgerkrieges zwischen Tamilen und Singhalesen erreichte der Tourismus als viertgrößte Einnahmequelle des Landes neue Rekordhöhen. Nun ist fast die ganze Küste mit ihrem touristischen Hinterland stark zerstört. Statt neue Touristen zu werben, muss die Regierung den Ausländern nun raten, zuhause zu bleiben, weil zuerst Tausende von Obdachlosen versorgt werden mussten. Zudem befürchten Ökonomen, dass das Wirtschaftswachstums Sri Lankas in diesem Jahr von fünf auf vier Prozent sinken wird. Und da das ehemalige Ceylon nicht über genügend Ressourcen verfüge, könne erst für 2006 mit größeren Wiederaufbaumaßnahmen gerechnet werden.

Tourismusverband warnt vor Reiseboykott

Klaus Laepple, Präsident des Bundesverbands Deutsche Tourismuswirtschaft (BTW), warnte jedoch, dass die betroffenen Länder "durch einen Reiseboykott nicht ein zweites Mal bestraft werden" dürften. "Neben der Hilfe aus aller Welt für den Wiederaufbau der zerstörten Regionen" sei es die beste Unterstützung, "wenn die Touristen danach wieder zügig in die betroffenen Länder reisen", so Laepple. Europas größter Touristikkonzern TUI will jedenfalls ab Februar wieder Urlauber nach Sri Lanka und Phuket bringen. Die Malediven würden bereits wieder angeflogen, sagte TUI-Sprecher Mario Köpers. Allerdings würden die Touristen derzeit in Gebiete umgeleitet, die nicht von dem verheerenden Seebeben betroffen seien. So seien auf den Malediven etwa 85 Prozent der Hotels noch intakt, so der TUI-Sprecher. In Phuket stünden dagegen nur die Hälfte aller Hotelkapazitäten zur Verfügung - auf Sri Lanka nur rund 40 Prozent.

Kritik an Urlaubern

Über eine Woche nach der verheerenden Flutwelle herrscht in einigen Teilen des Katastrophengebiets wieder so etwas wie "touristischer Alltag". So stehen am Surin Beach an der Westküste von Phuket wieder die Liegestühle und Sonnenschirme. Urlauber baden im Meer oder lesen, Kinder tollen herum und in den Strandhütten treffen sich braungebrannte Touristen zum Mittagssnack. Dazu gehört auch ein Ehepaar aus Bayern, dass keineswegs den Urlaub vorzeitig abbrechen will. Seit acht Jahren verbringen sie im Winter mehrere Wochen in Thailand. An vorzeitige Abreise denkt hingegen keiner - im Gegenteil. "Was nützt es, wenn wir abreisen", schließlich seien die Thais hier auf das Geld der Touristen angewiesen. "Ob wir nun heim fliegen und Geld spenden, oder hier bleiben und das Geld vor Ort ausgeben, macht keinen Unterschied", so dass Ehepaar.

Sie sind jedoch nicht die einzigen deutschem Touristen, die ihren Urlaub trotz der verheerenden Flutfolgen in Südostasien fortsetzen wollen - was durchaus auch Kritik durch die Reiseveranstalter und der Medien hervorruft. So hatte die "Bild"-Zeitung bereits einige Tage nach der Flutkatastrophe einige Deutsche unter anderem mit Aussagen zitiert wie: "Durch die Unruhe und Panik kommt überhaupt keine Urlaubsstimmung auf". Tobias Jüngert, Sprecher des deutschen Reisebüro- und Reiseveranstalterverbandes zeigte Verständnis für die Kritik. Er gab zu bedenken, dass die Urlauber vor Ort nicht mehr ausreichend betreut werden könnten. Zudem sei es sogar möglich, dass ihre Anwesenheit störe und die Helfer belaste. "Hier appellieren wir an die Vernunft und das Verständnis der Touristen, sich richtig zu verhalten", mahnte Jüngert.

Weitere Informationen:

 Erstveröffentlichung am 11.01.2005


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