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Unisex-Tarife: Sind Mann und Frau wirklich gleich?


Für die Versicherungswirtschaft stehen demnächst wohl turbulente Zeiten an. Denn künftig müssen Männer und Frauen beim Abschluss ihrer Versicherung gleichgestellt werden. Dies entschied unlängst der Europäische Gerichtshof (EuGH). Die bisherige Einstufung des Geschlechts als "Risikofaktor" für die Höhe der Versicherungsbeiträge diskriminiere die Frauen und sei daher ungültig (Rechtssache C-236/09).

Zur Begründung verwies der EuGH auf die EU-Gleichstellungsrichtlinie aus dem Jahr 2004, wonach Männer und Frauen gleich behandelt werden müssen. Für Versicherungen gab es bislang aber Ausnahmeklauseln. Die Richter setzten der Branche nun eine Frist bis 21. Dezember 2012, um ihre Tarife entsprechend umzustellen. EU-Justizkommissarin Viviane Reding sprach nach dem Urteil von einem wichtigen Schritt bei der Gleichstellung in Europa. Der Europäische Versicherungsverbund (CEA) sprach hingegen von "schlechten Nachrichten für die Versicherten".

Unterscheiden sich Mann und Frau tatsächlich?

Europäischer Gerichtshof (EuGH)
Europäischer Gerichtshof (EuGH)
© "Zinneke" gemäß cc-by-sa
Hätten Adam und Eva bereits eine Versicherung abgeschlossen, wäre es für beide wahrscheinlich sehr teuer geworden. Immerhin ist in der Bibel vermerkt, dass Adam etwa 930 Jahre alt wurde; über das Alter von Eva ist zwar nichts vermerkt. Dennoch wäre es nicht unwahrscheinlich, dass sie ihren Mann überlebt hätte. Nach heutigen Berechnungen beträgt die durchschnittliche Lebenszeit eines Mannes etwa 77 Jahre; eine Frau darf sich hingegen über 83 Jahre freuen.

Für ihre Rentenversicherung kam die längere Lebenserwartung für Frauen jedoch teuer zu stehen: da diese länger Rente beziehen, verlangten die privaten Rentenversicherungen entsprechend höhere Beiträge. Dafür mussten Frauen im Gegenzug niedrigere Beiträge für die Kfz-Versicherung entrichten, da Männer statistisch gesehen häufiger Unfälle verursachen. Doch woran liegt es, dass Männer meist kürzer leben als Frauen?

Immerhin sagen viele Studien, dass Männer zumindest teilweise selbst für ihre kürzere Lebenserwartung verantwortlich sind. Als Grund dafür nennt Elmar Brähler von der Universität Leipzig die "sorglose Lebensweise des Durchschnittsmannes": so trinke er mehr Alkohol, esse fettiger und rauche häufiger. Zudem gehe er seltener zum Arzt und noch weniger zu Vorsorgeuntersuchungen. Und: der Durchschnittsmann nehme sich Stress häufiger zu Herzen. Dass Männer dadurch einen Teil ihrer Lebenszeit selbst verkürzen, sind sich viele Forscher einig.

Die Bevölkerungswissenschaftlerin Cornelia Lange fand zudem heraus, dass Männer anfälliger für bestimmte Krankheiten sind wie Krebs, chronische Atemwegs- und Verdauungserkrankungen sowie Herz-Kreislauf-Krankheiten anfälliger sind. Auch genetisch haben Männer einige handfeste Nachteile: so leiden ausschließlich Männer an der Bluterkrankheit. Außerdem stehe "das männliche Sexualhormon Testosteron im Verdacht, die Ursache für die verkürzte Lebenserwartung der Männer zu sein", vermutet der Biologe und Philosoph Eckard Voland.

Klosterstudie untersucht Lebensweise

Eines ist derzeit gewiss: in den meisten Staaten der Welt leben Frauen für gewöhnlich länger als Frauen. Die Lücke zwischen Männern und Frauen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten jedoch immer wieder verändert: derzeit hat sich die Lebensweise der Frauen und Männer sogar angeglichen. Forscher gehen davon aus, dass Frauen immer seltener die Männer überleben, je mehr sie arbeiten, rauchen, unter Stress leben und ungesünder leben.

Um die Lebenszeit von Männern und Frauen zu genauer vergleichen, gingen die Forscher ins Kloster - einem Ort, wo sich die Lebensweise beider Geschlechter kaum unterscheidet. Das Ergebnis: Nonnen leben etwa ebenso lange wie Frauen außerhalb eines Klosters. Mönche leben hingegen deutlich länger als ihre weltlichen Geschlechtsgenossen. Dennoch leben Nonnen bei gleichen Lebensbedingungen meist immer noch ein oder zwei Jahre länger als Mönche.

Die Klosterstudie zeigt aber auch, dass die Lebensdauer nicht nur vom Geschlecht oder der Biologie abhängig ist. Auch Ernährung, medizinische Versorgung, Bildung, Hygiene, Wohnung und Freizeit spielen eine große Rolle, meint Professor Lutz Leisering von der Universität Bielefeld. Selbst der Wohnort spielt eine Rolle: demnach klafft die Lebenserwartung zwischen Mecklenburg-Vorpommern und Baden-Württemberg dreieinhalb Jahre auseinander. Zudem macht das Einkommen immerhin vier Jahre aus - der Unterschied zwischen Arbeitern und Beamten sogar sechs Jahre. Und selbst verheiratete Männer leben länger als ihre alleinstehenden Geschlechtsgenossen.

Folgen für die Versicherungsunternehmen

Die Versicherungen können mit solchen Faktoren hingegen nur wenig anfangen - vielmehr prophezeien diese sogar steigende Beiträge. So kritisierte Jörg von Fürstenwerth, Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), mit der Entscheidung würde "ein zentrales Prinzip der privaten Versicherungswirtschaft, nämlich das Prinzip der Äquivalenz von Beitrag und Leistung, in Frage gestellt". So hätten die Versicherten von den allgemein niedrigeren Prämien profitiert. Markus Rieß, Vorstandschef der Allianz Deutschland AG, bezeichnete es als "falsch, Ungleiches gleich zu behandeln". Für Alexander Erdland, Vorstandsvorsitzender der Wüstenrot & Württembergische AG, ist es "ein Fehler, unterschiedliche Risiken zu sozialisieren".

Der Düsseldorfer Versicherungskonzern Ergo verteidigt die Unterscheidung von Männern und Frauen etwa in der privaten Krankenversicherung. Für Sprecherin Sybille Schneider sind "die Unterschiede ja wirklich krass". So lebten Frauen länger, gingen häufiger zum Arzt und verlangten daher mehr Leistungen. Daher sollten diese auch höhere Beiträge bezahlen. Zudem befürchten die Versicherer, dass durch das Urteil der Markt verzerrt würde. So könnten männliche Angestellte künftig die betriebliche Altersvorsorge der privaten Rente vorziehen, um keine höheren Beiträge zahlen zu müssen.

Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) begrüßte hingegen das Urteil des EuGH, befürchtet allerdings ebenfalls, dass die Tarife zunächst teurer würden. Dennoch würden Frauen und Männer "nicht mehr in Sippenhaft genommen", sagte vzbv-Versicherungsreferent Lars Gatschke. Der Bund der Versicherten sprach im Hinblick auf höhere Tarife von "Dampfplaudereien". Vielmehr raten Verbraucherschützer dazu, Ruhe zu bewahren. So sei es nicht empfehlenswert, laufende Versicherungen zu kündigen, sagte Elke Weidenbach von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Denn die neuen Tarifstrukturen sind derzeit noch nicht absehbar; für jeden neuen Vertrag müssten zudem hohe Abschlusskosten gezahlt werden.

Die Rating-Agentur Standard & Poor's sieht in der Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs jedenfalls keine Auswirkungen auf die Kreditwürdigkeit der Versicherer. Vielmehr befürchtet sie negative Auswirkungen auf die Wettbewerbsposition solcher Versicherer, die ihr Geschäftsmodel auf Frauen oder Männer als Zielgruppen ausgerichtet ist und die bei ihrer Preispolitik nach Geschlecht differenzieren. Die zweijährige Frist zur Umsetzung ermögliche jedoch eine strategische und taktische Neu- und Umorientierung - wie etwa der verstärkte Fokus auf Berufsgruppen als Differenzierungsmerkmal.

Regina Weihrauch von FinanzFachFrauen warnt jedenfalls davor, dass die Diskussion um die Unisex-Tarife nicht auf dem Rücken der Frauen ausgetragen werde. Zwar weisen Männer und Frauen Unterschiede auf, "aber das darf kein Grund sein, die Beiträge zu differenzieren", so die Finanz- und Versicherungsexpertin. Zudem habe eine Recherche des Handelsblattes im Oktober 2010 ergeben, dass Frauen durchschnittlich 1.500 Euro mehr im Jahr ans Versicherungsprämien zahlen als Männer. Die Unisex-Tarife seien daher - so Weihrauch - gerecht; daher sollten sich alle schnell daran gewöhnen.

Weitere Informationen:

 Erstveröffentlichung am 04.05.2011


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