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Klassenziel verfehlt?


Beim neuen weltweiten PISA-Schultest konnte sich Deutschland nur geringfügig verbessern und liegt jetzt in allen Disziplinen knapp im Mittelfeld. Finnland, Hongkong und Südkorea nehmen die Spitzenplätze ein. Ohne tief greifende Schulreform droht Deutschland jedoch im internationalen Bildungswettbewerb weiter zurückzufallen. An dem Test haben über 250.000 Schüler aus 40 Nationen teilgenommen.

Pisa-Studie
© S. Hofschlaeger / PIXELIO
Besonders im Fach Mathematik konnten die deutschen Schüler einen leichten Leistungszuwachs vorweisen. Dort belegt Deutschland nun mit 503 PISA-Punkten Rang 16. In der Disziplin Lesen und Textverständnis - der wichtigsten Schlüsselkompetenz für das Lernen in Schule und Beruf - kommt Deutschland mit 491 Punkten auf den 19. Platz. Im Nebenfeld Naturwissenschaften liegt die Bundesrepublik mit 502 Punkten auf Platz 15. Lediglich die Hauptschüler blieben im Vergleich zur ersten PISA-Studie von 2000 gleich schwach. Profitieren konnte Deutschland jedoch auch von der Disqualifizierung Großbritanniens, da es nicht genügend Testteilnehmer erbracht hatte. Daher konnte Deutschland in allen drei Disziplinen um einen Rang aufsteigen.

Trotz dieser leichten Verbesserungen liegen die deutschen beim zweiten PISA-Test mit ihrem Wissen etwa anderthalb Jahre hinter der internationalen Spitzengruppe zurück. Gleichzeitig hat sich aber auch die soziale Chancenungleichheit im deutschen Schulsystem erneut verschärft. So ist der Unterschied zwischen guten und schlechten Schülern im Vergleich nur noch in Belgien und in der Türkei größer. Auch die in Deutschland ohnehin schon ausgeprägte Abhängigkeit von Bildungserfolg und familiärer Herkunft noch stärker geworden. Demnach hätten Schüler aus einfachen Familien eine ungleich geringere Chance, ein Gymnasium zu besuchen als Kinder von Akademikern - auch wenn sie über die gleiche Intelligenz verfügen. Auch bei den schulischen Leistungen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund bleiben deutlich hinter denen der deutschen Jugendlichen zurück. Auffällig ist auch, dass Jugendliche der ersten Generation - also in Deutschland geboren sind, aber ausländische Eltern haben - schlechter abschneiden als Jugendliche, die aus dem Ausland eingewandert sind.

Als Reaktion auf das mittelmäßige Abschneiden bei der Bildungsstudie haben die Kultusminister neue Arbeitsschwerpunkte gesetzt, um das Bildungsniveau der deutschen Schüler zu heben. So sollen Kinder und Jugendliche aus sozial schwierigem Umfeld sowie Migrantenkinder bereits frühzeitig gefördert werden, sagte die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz (KMK), die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Doris Ahnen (SPD). Zudem wollen sich die Kultusminister auch um eine Verbesserung des Unterrichts sowie für eine gezielte Förderung von Schülern in den Bereichen Lesen, Geometrie und Stochastik einsetzen.

Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) forderte gar eine Abkehr vom dreigliedrigen Schulsystem. Die Studie zeige, dass die Hauptschule keine Zukunft mehr habe. "Wir müssen uns fragen, ob die frühe Auslese von zehnjährigen Kindern auf unterschiedliche Schulformen der richtige Weg ist", sagte die Bulmahn. Neben "mittel- bis langfristigen Änderungen" müsste nun auch eine Schulreformdebatte "ohne ideologische Scheuklappen" geführt werden. Nach Auffassung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) verstärke das auf Auslese ausgerichtete Schulsystem die Nachteile, die Kinder bereits von zuhause aus mitbrächten. Zwar könne und wolle man "das gegliederte Schulsystem nicht von heute auf morgen abschaffen", sagte GEW-Vorstandsmitglied Marianne Demmer. Dennoch müssten erste Schritte in Richtung eines längeren gemeinsamen Lernens bis zur zehnten Klasse erfolgen.

Auch Klassenziel der EU-Länder scheint gefährdet

Selbst im europäischen Vergleich fallen die Leistungsunterschiede sehr deutlich aus. Während die deutschen Schüler zwar wissen, Probleme zu lösen, bleiben sie nur Durchschnitt. Die Finnen bleiben hingegen auch weiterhin Klassenprimus, während die Klassenkameraden aus Österreich diesmal schlechtere Noten mit nach Hause bringen. Die polnischen Schüler - erst im Mai in die Klasse aufgenommen - haben sich hingegen enorm gesteigert.

In Österreich saß der Schock über das unerwartet schlechte Abschneiden bei der PISA-Studie 2003 tief. "PISA-Pleite" oder "Tiefer Sturz vom schiefen Turm (von PISA)" titelte die Presse nachdem die ersten Ergebnisse veröffentlicht wurden. Vor allem die Tatsache, dass die Schüler der Alpenrepublik nun teils deutlich hinter das stets als Rivale betrachtete Nachbarland zurückgefallen sind, erschütterte die Kommentatoren. Inzwischen steht fest: Österreichs Schüler boten bei der Untersuchung insgesamt das schlechteste Ergebnis aller deutschsprachigen Länder - einschließlich Liechtensteins. Selbst die östlichen EU-Nachbarn Slowakei, Tschechien und Ungarn schnitten in einigen Bereichen besser ab.

Während sich die sozialdemokratische Opposition und die rechtskonservative Koalitionsregierung gegenseitig für das schlechte Abschneiden verantwortlich machten, wies Bildungsministerin Elisabeth Gehrer zunächst den Eltern die Schuld zu. Diese hätten einfach nicht genug Zeit für ihre Kinder. Bereits Anfang kommenden Jahres soll nun ein Bildungsgipfel einberufen - gemeinsam mit der Opposition. Dabei soll auch mit finnischen Experten über die nötigen Veränderungen diskutiert werden. Im Gegensatz zu Deutschland liegt die Bildungshoheit in Österreich zwar beim Bund - Reformen im Schulsystem benötigen aber immer eine Zweidrittelmehrheit im Parlament.

Dazu gelernt haben hingegen die Schüler in der Schweiz. Im deutschsprachigen Raum sind sie sogar die Besten - mal von den noch besseren Schülern in Liechtenstein abgesehen. Das Ergebnis wurde bei den Eidgenossen jedenfalls mit Optimismus aufgenommen werden, da die Noten 2000 noch schlechter waren. In der Schweiz ist die Schulerziehung zwar Kantonssache, doch setzen die eidgenössischen Bildungspolitiker nun verstärkt auf "HarmoS". Dahinter verbirgt sich das nach der PISA-Studie 2000 angeschobene Reformprojekt "Harmonisierung der obligatorischen Schule". Es soll die Lernziele der Grundschulen bis 2007 landesweit vereinheitlichen und auch die Voraussetzungen für eine frühere Einschulung schaffen. Zudem sollen langfristig bereits ab dem dritten bzw. dem fünften Schuljahr an Fremdsprachen unterrichtet werden.

Geheimrezept Gesamtschule?

PISA-Weltmeister Finnland sieht die völlig einheitliche Gesamtschule bis nach der neunten Klasse als ausschlaggebenden Faktor für dessen erfolgreiches Abschneiden. Für Erziehungsministerin Tuula Haatainen ist es besonders wichtig, das sich der Wechsel zu den Gymnasien erst nach dem neunten Schuljahr vollzieht - ohne Aufnahmeprüfung. "Würden wir wie früher durch Aufnahmeprüfungen und sehr früh auswählen, ginge uns unglaublich viel Kompetenz von Schülern verloren", betont die Bildungspolitikerin. Mit zehn Jahren spielten familiäre Herkunft und soziale Prägung beim Schulverhalten von Kindern noch eine sehr große Rolle.

Finnische Bildungspolitiker aller Richtungen heben zudem auch die staatlichen Leistungen wir die tägliche kostenlose warme Schulmahlzeit und Lernmittelfreiheit hervor. Bis hin zu Zuschüssen beim Schultransport soll eine Chancengleichheit für alle Schüler hergestellt werden. Dennoch gilt das System nicht als teuer. "Finnland gibt nicht mehr Mittel aus als im OECD-Durchschnitt", sagt Haatainen. Zudem gilt die Aufmerksamkeit der Ministerin auch weniger der Förderung von Spitzenbegabten als den "Drop Outs", die sich mit schwachen Leistungen durch die Gesamtschulen hangeln und ohne Abitur oder alternativen Fachabschluss auf dem Arbeitsmarkt kaum Chancen haben. Hier müsse man "attraktivere Bildungsangebote schaffen und den Betroffenen auch bessere medizinische und psychologische Hilfe anbieten".

Auch Kanada besitzt ein integriertes Schulsystem. Dort werden die Kinder mit sechs Jahren eingeschult und besuchen bis zur zwölften Jahrgangsstufe eine Gesamtschule. Eine interne Differenzierung in unterschiedliche Bildungsgänge findet erst ab der zehnten Klasse statt, indem die Schüler auf hochschulvorbereitende oder berufsbildende Bildungsgänge verteilt werden. Japan besitzt ebenfalls ein integriertes Schulsystem. Die Kinder werden mit sechs Jahren eingeschult und sechs Jahre lang gemeinsam unterrichtet. Anschließend folgen drei Jahre gemeinsame Mittelschule sowie weitere drei Jahre Oberschule, an deren Ende die japanischen Schüler die Hochschulreife erhalten.

Das erklärte Klassenziel der 25 EU-Staaten, bis zum Jahr 2010 die schlagkräftigste wissensbasierte Wirtschaft auf die Beine zu stellen, scheint angesichts der PISA-Ergebnisse jedenfalls gefährdet zu sein. Hatten die USA vor zwanzig Jahren noch an der Spitze gestanden, brauchen diese nun selbst Nachhilfe. Hingegen ist "Korea binnen einer Generation an die Spitze aufgestiegen", sagte der OECD-Bildungsexperte Andreas Schleicher. Hongkong rangiere ebenfalls ganz vorn. Deutschland dagegen sei binnen einer Generation "aus dem Spitzenfeld ins Mittelmaß abgerutscht".

Erfolgreiche Bildungssysteme haben einiges gemeinsam, so Schleicher:

  • Vorschule für viele Kinder;
  • gezielte Förderung schwächerer Schüler ohne frühzeitige Festlegung auf verschiedene Leistungsstufen;
  • Verantwortung für die Schulen;
  • eine klare Vorstellung von den benötigten Kenntnissen.
In Deutschland liege das Gesamtniveau auch deshalb so niedrig, weil viele Schüler im dreigliedrigen Schulsystem letztendlich ausgesondert würden. Für die kommenden Jahre kündigten die Macher der internationalen PISA-Studie jedenfalls weitere Untersuchungen an. So sollen auch in den Jahren 2006 und 2009 die nationalen Bildungssysteme beobachtet und miteinander verglichen werden, erklärte Schleicher.

Kernpunkte der PISA-Studie 2003
Am weltweit größten Schultest (PISA = "Programme for International Student Assessment") ist Teil des Indikatorenprogramms INES ("Indicators of Educational Systems") der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Diesmal nahmen 41 Länder an dem Test teil - Großbritannien wurde jedoch in der Entwertung wegen einer zu geringen Teilnehmerzahl disqualifiziert. Beim ersten PISA-Test 2000 waren es noch 31 Staaten - neu hinzu gekommen sind unter anderem die Türkei, Serbien, Thailand, Uruguay, Hongkong und Macao. Weltweit arbeiten rund 300 Wissenschaftler an der Erstellung und Auswertung des Tests - federführend ist die OECD in Paris.

Untersucht wurden nicht nur das Wissen der Schüler, sondern auch ihre Fähigkeit, dieses Wissen bei der Lösung lebensnaher Aufgaben anzuwenden. Daneben wurden gleichzeitig auch der familiäre, soziale und schulische Hintergrund erfasst sowie Zusatzdaten über Motivation, Lernmethoden und Unterstützung durch die Lehrer erfasst. In Deutschland wurden für die zweite PISA-Studie im Frühjahr 2003 im Alter von 15 Jahren getestet. Für den internationalen Vergelcih nahmen 220 Schulen mit jeweils 25 Schülern an dem Test teil. Getestet wurde in den Bereichen Mathematik, Naturwissenschaften und Lesekompetenz.

Die zentralen Befunde:

Leistung: Bei der Schülerleistung konnte sich Deutschland seit der ersten PISA-Studie 2000 in allen drei Bereichen und geringfügig verbessern. Der Wissensabstand zu den PISA-Siegerländern Finnland, Kanada, Japan und Südkorea beträgt weiterhin ein bis eineinhalb Jahre.

Rangfolge: Im internationalen Vergleich kommt Deutschland in den Bereichen Mathematik und Naturwissenschaften ins Mittelfeld - im Bereich Lesen knapp darunter. In der Wertung der 29 OECD-Staaten landete Deutschland im unteren Drittel.

Leistungsunterschiede: Besser wurden in Deutschland vor allem die Gymnasiasten - vereinzelt auch Gesamt- und Realschülern. Nur die Hauptschüler blieben gleich schwach. Schon bei der PISA-Studie 2000 wurden wie bei keinem anderen Industriestaat besonders große Unterschiede bei den Schülern und zwischen den Schulen festgestellt. Seit dem ersten PISA-Test hat sich dieses Problem noch verschärft.

Risikoschüler: Mehr als jeder Fünfte der getesteten Schüler gilt als Risikoschüler. Gegen Ende seiner Pflichtschulzeit kann er allenfalls auf Grundschulniveau rechnen und selbst einfache Texte kaum verstehen. In kaum einem anderen Staat ist der Prozentsatz ähnlich hoch - Ausnahme: Luxemburg.

Soziale Förderung: In keinem anderen vergleichbaren Staat werden Unterschichts- und Migrantenkinder so schlecht gefördert wie in Deutschland. In den Teilbereichen, wo die Bundesrepublik Leistungszuwächse verbuchen konnte, hat sich die Abhängigkeit des Bildungserfolges von der sozialen Herkunft noch weiter verschärft. Generell gilt: Kinder reicher Familien haben bei gleicher Begabung eine 5,7-mal größere Chance, statt der Realschule ein Gymnasium zu besorgen, als aus der unteren Mittelschicht. Auch in Belgien und Ungarn wurde die soziale Förderung negativ beurteilt.

Problemlösen: In der erstmals getesteten PISA-Kategorie "Problemlösen" liegen die deutschen Schüler deutlich über dem OECD-Durschnitt. Nur sechs Staaten sind noch erkennbar besser. Besonders auffällig ist dem Bericht zufolge die Diskrepanz zwischen den guten Problemlösefähigkeiten und den nur mittelmäßigen Mathematikleistungen. Einige Wissenschaftler vermuten, dass das deutsche Schulsystem die guten Grundfähigkeiten der Jugendlichen nicht ausreichend ausschöpft.

Schülermeinung: Schüler fühlen sich an deutschen Schulen deutlich wohler als Gleichaltrige in vielen anderen Staaten. Sie trauen sich auch viel zu. Kritik üben sie jedoch an ihren Lehren: so glauben nur 43 Prozent, dass die Mathematik-Lehrer an ihrem individuellen Lernfortschritt interessiert sind. Der OECD-Durchschnitt liegt bei 58 Prozent.

Weitere Informationen:

 Erstveröffentlichung am 09.12.2004


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