In den irischen Pubs ist es ebenso verboten wie in italienischen Trattorien und spanischen Zügen: Wer sich dort eine Zigarette anzündet, dem droht eine Verwarnung und sogar eine Geldstrafe. Selbst beim Opernball wurde in diesem Jahr erstmals rauchfrei im Dreivierteltakt getanzt. Und auch in Deutschland erwärmen sich neuerdings immer mehr Politiker für ein Rauchverbot in öffentlichen Räumen.
Mehr als 660.000 Bürger der Europäischen Union (EU) sterben jedes Jahr an den Folgen des Rauchens. Einer Studie der Universität Freiburg sind die negativen Auswirkungen des Nikotin-Konsums durchaus vielfältig. So gibt es außer chronischer Bronchitis, Raucherhusten oder Lungenkrebs noch etwa 50 weitere nachgewiesene mögliche Effekte auf den Körper. Dazu zählen nicht nur Gefäßkrankheiten wie Herzinfarkt oder Gehirnschlag. Außer Lungenkrebs können die 3.800 Substanzen der Zigarette auch bösartige Tumore in Mundhöhle, Speiseröhre, Blase, Niere und Bauchspeicheldrüse sowie an Zunge und Kehlkopf auslösen.
Deutsche Krebsforscher warnten zudem, dass in der Bundesrepublik immer mehr jüngere Raucherinnen an Lungenkrebs sterben. So seien die Todesfälle bei Frauen zwischen 35 und 55 Jahren von 1990 bis 2000 um 60 Prozent dramatisch angestiegen seien. Damit liege Deutschland deutlich vor den anderen EU-Staaten mit rund 38 Prozent, teilte das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg mit. Das Zentrum untersucht systematisch die Mechanismen der Krebsentstehung und erfasst die Risikofaktoren.
Bayerische Wissenschaftler haben in einer Studie des Bundesgesundheitsministeriums errechnet, dass die gesundheitlichen Folgen des Rauchens die deutsche Volkswirtschaft mit fast 20 Milliarden Euro jährlich belasten. Nach dieser Studie des GSF-Forschungszentrums für Umwelt und Gesundheit in Oberschleißheim bei München sterben pro Jahr knapp 120.000 Menschen an rauchbedingten Folgen. "Dies entspricht der Einwohnerzahl einer kleineren Großstadt", teilte das Forschungszentrum mit.
Dies seien mehr als durch Aids, Alkohol, Drogen, Verkehrsunfälle, Morde und Selbstmorde zusammen, so die Heidelberger Medizinerin Martina Pötschke-Langer. In diesem Zusammenhang forderte das Krebsforschungszentrum die Politik zu wirksamen Maßnahmen auf. Dies könnten unter anderem drastische Erhöhungen der Tabaksteuer, ein umfassendes Tabakwerbeverbot und die Schaffung einer rauchfreien Umwelt sein. Ferner sollten Zigarettenautomaten verboten werden und Tabakwaren nur noch in mittels Lizenz in ausgewiesenen Läden erfolgen. Im europäischen Ranking bei der Tabakkontrolle stehe Deutschland bei 28 überprüften Ländern nur auf Rang 21, so das Krebsforschungszentrum.
Politiker fordern schärferes Rauchverbot
In Deutschland gibt es immerhin schon rauchfreie Bahnhöfe. Seit zweieinhalb Jahren können Nichtraucher am Arbeitsplatz zudem auch einen Schutz vor ihren rauchenden Arbeitskollegen geltend machen. Allerdings mehren sich die Stimmen für ein weitgehenderes Verbot. So forderte die SPD-Ge-sundheitsexpertin Marlies Vollmer rauchfreie Zonen in allen Restaurants und öffentlichen Gebäuden. "Wir haben die Verpflichtung, Nichtraucher und Restaurantangestellte zu schützen", sagte die Politiker gegenüber dem "Spiegel". Auch die Drogenbeauftragte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Gerlinde Kaupa, will die Möglichkeit zum Tabakkonsum einschränken. Eine freiwillige Selbstverpflichtung der Hotels und Gaststätten auf die Einrichtung von Nichtraucherzonen reiche nicht aus.
Damit sprechen die beiden deutschen Politikerinnen dem EU-Gesundheitskommissar Markos Kyprianou aus dem Herzen. Denn der 45-jährige Nichtraucher-Papst aus Zypern hat sich ebenfalls den Kampf gegen den Glimmstängel aufs Banner geschrieben. "Unsere Hauptaufgabe ist es, Nichtraucher zu schützen und junge Leute vom Rauchen abzuhalten", sagte Kyprianou. Im Sommer will der EU-Kommissar eine Anti-Rauch-Kampagne starten, die sich vor allem an Jugendliche richtet.
Rückendeckung erhält er zudem vom Gesundheitsausschuss des Europäischen Parlaments. Der forderte die EU-Kommission auf, Tabakrauch als krebserzeugenden Stoff mit Asbest und Benzol gleichzustellen. Damit könnten Zigaretten innerhalb der gesamten EU aus öffentlichen Räumen verbannt werden. Die Kommission diskutiert nun mit den Arbeitgebern und Gewerkschaften über die Machbarkeit eines solchen Verbots. Allerdings könnte ein allgemeines Rauchverbot rechtlich schwierig werden, denn die Kompetenzen der Kommission sind auf dem Feld der Gesundheit begrenzt.
Mehrheit für verschärftes Rauchverbot
Die Deutsche Krebshilfe forderte ebenfalls gesetzliche Rauchverbote in Restaurants ähnlich wie in Italien. Freiwillige Regelungen zum Schutz vor dem gesundheitsschädlichen Rauch hätten bislang nicht geholfen, meinte die Präsidentin der Krebshilfe, Dagmar Schipanski. Die Einflüsse von wirt-schaftlichen Interessen auf die Politik seien mittlerweile so groß, dass effektive Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung vor Tabakrauch kaum noch eine Chance hätten, kritisierte der Sprecher des Aktionsbündnisses Nichtrauchen, Friedrich Wiebel.
Einer repräsentativen polis-Umfrage im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur (dpa) ergab, wünschen derzeit 59 Prozent der Deutschen ein strengeres Rauchverbot. 40 Prozent sprachen sich dagegen aus. Vor allem die Ostdeutschen (67 Prozent) outeten sich als Gegner der Glimmstängel. Auch besonders viele ältere Menschen und Frauen wollen den Nikotinkonsum stärker zurückdrängen. Der Umfrage zufolge sind 66 Prozent der Bundesbürger über 55 Jahren und 63 Prozent der Frauen dafür.
Immerhin geht in Deutschland bereits der Trend zum Rauchverbot an Schulen - sowohl für Schüler als auch Lehrer. Zuletzt kündigte Niedersachsen an, nach Hessen und Berlin ebenfalls ein solches Verbot an den Schulen einzuführen. Von April es sowohl auf den Schulhöfen als auch in den Lehrerzimmern gelten. Auch in Hamburg und Bremen gibt es ähnliche Tendenzen.
Auch die Universitäten machen gegen den blauen Dunst mobil: die Hochschulen in Ulm und Freiburg sind bereits rauchfrei, andere wollen folgen. Die Uni in Tübingen beschränkt sich hingegen nur auf rauchfreie Zonen. "Wir wollen den Interessen der Raucher und Nichtraucher in gleicher Weise gerecht werden", sagte Rektor Eberhard Scheich.
Eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) ergab, dass immer weniger Jugendliche in Deutschland noch zur Zigarette greifen. So sei die Zahl der 12- bis 17-jährigen Raucher seit 1997 von 28 auf 23 Prozent zurückgegangen, sagte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marion Caspers-Merk. Zwar steige die Zahl rauchender Jugendlicher in Ostdeutschland immer noch an - die Ergebnisse zeigen Caspers-Merk jedoch, dass Rauchen bei den Jugendlichen "zunehmend uncool" wird.
Walter Farke, Tabakexperte bei der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren (DHS) sieht die Studie hingegen differenzierter. Demnach führten die Preiserhöhungen für Tabak dazu, "dass weniger geraucht wird". Der Verband der Cigarettenindustrie (VdC) wies jedoch hin, dass "zehn Prozent aller konsumierten Zigaretten in Deutschland inzwischen Schmugglerware oder legal nicht versteuerte Zigaretten sind", erklärte Geschäftsführer Wolfgang Hainer.
Für die Drogenbeauftragte Caspars-Merk soll Nichtrauchen jedoch "in Deutschland der Normalfall werden". Dazu wolle das Bundesgesundheitsministerium das Angebot rauchfreier Krankenhäuser ausbauen. Außerdem soll mit dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (DeHoGa) bis zum Frühjahr eine Vereinbarung über einen Mindestanteil von rauchfreien Plätzen in Restaurants nach österreichischem Vorbild vereinbart werden.
Rauchen mit Einschränkungen
Andere europäische Länder haben jedoch sehr unterschiedliche Anti-Tabak-Gesetzen, wie der folgende Überblick zeigt:
- Die Vorreiter: In Italien gilt seit Anfang Januar eines der europaweit schärfsten Anti-Raucher-Gesetze. Demnach ist das Qualmen in allen der Öffentlichkeit zugänglichen Räumen verboten - darunter unter anderem in Büros, Restaurants, Kneipen und Diskotheken. Ausnahmen gelten nur für abgetrennte Raucherräume. Allerdings ist das Verbot nicht unumstritten. So maulte Verteidigungsminister Antonio Martino, das Rauchen sei sein "heiliges Recht". Und in Mailand protestierten etwa 200 Freunde des blauen Dunstes gegen die "beginnende Prohibition". In Irland und Norwegen ist das Rauchen seit 2004 in Kneipen, Restaurants und an Arbeitsplätzen verboten. Dort wurde das Verbot hingegen gut angenommen. Auch in Serbien-Montenegro wird ein seit 1988 geltendes Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden und im öffentlichen Straßenverkehr weitgehend akzeptiert. Ein Verbot in Kneipen und Restaurants sind jedoch bislang gescheitert.
- Die Umdenker: In vielen Ländern deutet sich ebenfalls ein Trend zum stärkeren Nichtraucherschutz an. So sind in Tschechien, Schweden, Großbritannien, Spanien und Portugal unterschiedlich schärfere Anti-Tabakgesetze in Arbeit oder sollen verabschiedet werden. In den Niederlanden haben sich Gastronomie und Hotels auf eine Initiative geeinigt, wonach der Tabakkonsum bis Ende 2008 um 70 Prozent reduziert werden soll.
- Die Unbekümmerten: In Deutschland, Rumänien oder der Türkei gibt es keine Gesetze, wonach gesonderte Raucherbereiche eingerichtet werden sollen. In der Regel bleibt die Entscheidung darüber dem jeweils Verantwortlichen überlassen. In Deutschland ist bislang nur das Rauchen am Arbeitsplatz gesetzlich geregelt - weitergehende Initiativen scheiterten jedoch bisher.
- Die Probleme: Allerdings ist der Erfolg auch in Ländern mit Nichtraucherregelungen durchaus bescheiden. In Frankreich beispielsweise findet das seit 1992 gültige Gesetz, wonach Raucherinseln eingerichtet werden sollen, kaum Beachtung - trotz drohender Strafen. Auch in Belgien oder Bulgarien sieht es nicht besser aus. Und ob auch in Italien das neue Raucherverbot erfolgreich sein wird, bleibt abzuwarten.
Weltweite Ächtung
Doch nicht nur in Europa, auch in anderen Ländern werden schärfere Gesetze und Verordnungen erlassen, die den blauen Dunst aus der Öffentlichkeit verbannen sollen. So wurde beispielsweise in Russland im vergangenen Jahr das Rauchen auf öffentlichen Plätzen und in öffentlichen Transportmitteln untersagt. Zudem sind zwei weitere Gesetze in Arbeit, die das Rauchen am Arbeitsplatz und die Werbung für Tabakprodukte drastisch einschränken sollen. Doch auch hier zeigt die Erfahrung: die Strenge des Gesetzes wird dadurch gemindert, dass es nicht eingehalten wird.
In den USA - dem Vorreiter-Land der Anti-Tabak-Bewegung - sind Raucher längst aus den öffentlichen Gebäuden verbannt. Zudem haben Tabakgegner inzwischen auch die Paffer unter freiem Himmel im Visier. Auf Kuba - Heimat edler Zigarren - gilt seit 6. Februar ein Rauchverbot "in allen klimatisierten und geschlossenen öffentlichen Räumen". Dazu zählen unter anderem Büros, Kinos, Busse, Taxen und Züge. In China - wo etwa 320 Millionen Menschen rauchen und täglich 2.000 Menschen an den Folgen sterben - soll die Tabakindustrie allmählich in den Hintergrund gedrängt werden. Im Gegenzug sollen die Autoindustrie und IT-Branche gefördert werden.
In der indonesischen Hauptstadt Jakarta hat der Stadtrat vergangene Woche ein strenges Rauchverbot in der Öffentlichkeit erlassen. Wer an öffentlichen Orten oder in öffentlichen Verkehrsmitteln beim Rauchen erwischt wird, muss künftig 50 Millionen Rupiah (rund 4.200 Euro) Strafe zahlen oder eine sechsmonatige Gefängnisstrafe absitzen. In Indonesien rauchen etwa 70 Prozent der 213 Millionen Einwohner - etwa 57.000 Menschen sterben alljährlich an den Folgen.
Am weitesten ging bislang das Königreich Bhutan im Himalaya. Als erstes Land der Welt hat es nicht nur den Verkauf von Tabakwaren verboten - auch das Rauchen auf allen öffentlichen Plätzen wurde untersagt. Aus dem Ausland dürfen jedoch weiterhin Tabakwaren für den Eigengebrauch eingeführt werden - allerdings wird darauf eine Einfuhrsteuer von 100 Prozent erhoben. Geraucht werden darf künftig nur noch in Privaträumen - eine Geldstrafe ist jedoch nicht vorgesehen, nur eine Verwarnung. "Wir konzentrieren uns darauf, ein öffentliches Bewusstsein über die Gefahren des Rauchens zu entwickeln", sagte Gesundheits-Staatssekretär Sangay Thinlay. Bhutans erstes dokumentiertes Rauchverbot datiert laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 1729 und gilt bis heute. Demnach ist das Rauchen in allen religiösen Stätten untersagt.
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Erstveröffentlichung am 11.02.2005 |
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