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Der konservative Glaubenswächter (I)


Als die schwere Glocke am Petersdom die Ära eines neuen Papstes einläutete, gab es in Rom kein Halten mehr. Aus allen Richtungen laufen die Menschen in Richtung Petersplatz, jubeln, schwenken Fahnen und blicken gespannt auf die Loggia mit dem tiefroten Samtvorhang. Als der chilenische Kardinal Medina Estevez die Worte "Habemus papam" verkündet, ist die Sensation perfekt: mit Kardinal Joseph Ratzinger wurde erstmals seit 482 Jahren wieder ein Deutscher zum Papst gewählt.

Papst Benedikt XVI.
Papst Benedikt XVI.
© Giuseppe Ruggirello gemäß GDFL
Damit hat Ratzinger eine alte römische Volksweisheit widerlegt: als Favorit gehandelt, kam er als Papst Benedikt XVI. aus dem Konklave heraus. Er war der heiße Tipp beim Papst-Toto und wurde alsbald auch zum Favoriten im Kardinalskollegium. Der oberste Glaubenswächter unter seinem Amtsvorgänger Johannes Paul II. - als "Panzerkardinal" und Anführer der "Betonfraktion" in der römischen Kurie apostrophiert - ist als Benedikt XVI. nun der 265. Pontifex der römisch-katholischen Kirche.

Dabei hat Ratzinger in den vergangenen Jahren immer wieder dementiert, Ambitionen auf das höchste Kirchenamt zu haben. Vielmehr wollte er seine Bibliothek ordnen, vielleicht das ein oder andere Buch schreiben und gelegentlich in Regensburg vorbeizuschauen. Lange Zeit hieß es in Rom: "Ratzinger geht eines Tages mit Johannes Paul II. unter". Es scheint eine Ironie der Geschichte zu sein, dass gerade nach dem Tod des polnischen Papstes nun die große Stunde des Deutschen schlägt. Für Katholiken und Menschen, die der Kirche eher fern stehen, ist Ratzinger die Persönlichkeit, die in den vergangenen Jahren am stärksten polarisierte.

Vom Reformer zum Traditionalisten

Ratzinger wurde am 16. April 1927 im Marktl am Inn als Sohn eines bayerischen Gendarmen geboren. Bereits mit 31 Jahren wurde er habilitiert - seit den sechziger Jahren gilt er als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Theologen. Als hochbegabter Dogmatikprofessor lehrte er zunächst an der Theologischen Hochschule in Freising - später in Bonn, Münster, Tübingen und Regensburg. Im Jahr 1962 begleitete Ratzinger den Kölner Kardinal Josef Frings auf das Zweite Vatikanische Konzil. Dort gehörte er zu den Theologen und Geistlichen, die frischen Wind in die Kirche einlassen wollten.

Weltgewandt, reforminteressiert und liberal waren die Eigenschaften, die dem Bayer zugeschrieben wurden. Der Bruch im Leben des neuen Papstes kam mit den Studentenprotesten des Jahres 1968. Was ihn vor allem störte: die "Missachtung grundlegender Werte der Humanität", wie sich Ratzinger einmal äußerte - eine Einschätzung, die ihn vom Reformer zum Fundamentalisten werden ließ. Diese sehr orthodoxe Haltung trieb ihn bis heute an.

Am 28. Mai 1977 wurde Ratzinger zum Bischof geweiht und nur wenige Wochen später - am 27. Juni 1977 - zum Kardinal erhoben. In der deutschen Bischofskonferenz schwamm der heutige Papst auch gerne mal gegen den Strom des engagierten und etablierten deutschen Katholizismus. Im November 1981 berief ihn Johannes Paul II. aus Deutschland ab und vertraute ihm die Leitung der Glaubenskongregation an.

In den folgenden Jahren prägte Ratzinger die Politik des Vatikan maßgeblich mit. Seine Unnachgiebigkeit in vielen Streitfragen machte ihn jedoch bei vielen Katholiken nicht beliebt. So stoppte er in den achtziger Jahren die lateinamerikanische Befreiungstheologie mit disziplinarischen Maßnahmen. Er verteidigte das kategorische "Nein" der Kirche zum Priestertum der Frau, die harte Linie gegenüber wiederverheirateten Geschiedenen und die Lehre von der Vorherrschaft der katholischen Kirche gegenüber anderen Glaubensgemeinschaften. Trotz seiner anfänglichen Offenheit - etwa in Diskussionen mit dem deutschen Philosophen Jürgen Habermas - wurde er schließlich als Reformblockierer, Hardliner und Traditionsbewahrer gesehen.

Freunde bezeichnen ihn als menschenfreundlich, eloquent und mediengewandt. Bewunderer wie Kritiker würdigen seinen scharfen Intellekt, seine klaren Analysen, seine geschliffene Sprache und seinen weiten theologischen Horizont. In den vergangenen Jahren hat Ratzinger jedoch nicht nur als vatikanischer Amtsträger, sondern auch als Theologe von Weltruf weiter gearbeitet. In seinen Büchern, Interviews und Studien legte er Analysen zum Zustand von Kirche und Gesellschaft vor, die in ihrer Offenheit nicht allen gefiel und wohl auch nicht gefallen wollte. Dabei gilt der neue Pontifex im vertrauten und persönlichen Umgang durchaus gewinnend sowie von menschlicher Liebenswürdigkeit.

Mehr über die Positionen des neuen Pontifex, die bisherigen deutschen Päpste und die Reaktionen aus aller Welt im zweiten Teil.

Kurzinfos: Papstname
"Benedictus" heißt auf Latein "der Gepriesene". Der Heilige Benedikt von Nursia (480-547) gilt der katholischen Kirche als "Patron Europas" - sie verehrt ihn auch als "Vater vieler Völker". Er war der Vater des abendländischen Mönchtums - seine Regeln ("Ora et Labora") waren die Basis für alle Mönchsbewegungen in den folgenden Jahrhunderten. Für Ratzinger, der weite Teile seiner Theologie in den Schriften der Kirchenväter begründet, hat Benedikt große Bedeutung.

Der erste Papst mit dem Namen Benedikt regierte von 575 bis 579. Namentlich folgt der neue Pontifex auf Papst Benedikt XV. (1914-1922), der aus einem alten genuesischen Adelsgeschlecht stammte. Dessen Pontifikat war vor allem durch den Ersten Weltkrieg überschattet, in dem die Kirche strikte Neutralität bewahrte. Benedikt XV. bemühte sich letztlich vergeblich um den Frieden. Innerkirchlich war besonders die Veröffentlichung eines neuen Rechtsbuches - des "Codex Iuris Canonici" - von Bedeutung.

Bislang haben die Päpste insgesamt 82 unterschiedliche Namen gewählt. Unangefochten an der Spitze steht Johannes - mit weitem Abstand gefolgt von Gregor und Benedikt. Papst Johannes Paul I. war 1978 das erste Kirchenoberhaupt, das einen Doppelname wählte. Mit dieser Entscheidung setzt er sich bewusst in die Tradition seiner Vorgänger Paul VI. (1963-1978) und Johannes XXIII. (1958-1963).

Weitere Informationen:

 Erstveröffentlichung am 22.04.2005


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