"Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert", lautet ein altes Sprichwort. Schon allein deshalb stand wohl zu Zeiten der D-Mark die Abschaffung der Ein-Pfennig-Münze auch nie zur Debatte. Drei Jahre nach der Einführung des Euro mehren sich jedoch die Stimmen, die kleinsten Kupfermünzen aus den Geldbörsen zu verbannen.
Insgesamt 21 Milliarden Ein- und Zwei-Cent-Münzen sind derzeit in den Euro-Staaten in Umlauf. Damit machen die kleinen Kupfermünzen mehr als ein Drittel der gesamten Euro- und Cent-Münzen aus. Hohe Produktionskosten, ausgebeulte Geldbörsen und krumme Preise machen das Kleingeld jedoch bei Banken und vielen Verbrauchern unbeliebt. "Mein Portemonnaie platzt aus allen Nähten, ich schleppe immer pfundweise die ‚Roten' mit mir herum", sagt die Frankfurter Sekretärin Monika Baslitz. "Aber wenn die Händler runden dürfen, werden sie nur aufrunden", kritisiert sie. Auch für viele Händler sind die kleinen Münzen eher eine Last. "Wir bekommen zentnerweise Ein- und Zwei-Cent-Münzen", so Michael Mohr, Filialleiter eines großen Zeitungsgeschäfts im Frankfurter Hauptbahnhof. Für dessen Mitarbeiter wäre die Abschaffung "ein Segen".
Münzknappheit und hohe Kosten
Dass viele Deutsche beim Wechselgeld mehr kleine Münzen herausbekommen, als sie später wieder ausgeben, machte sich erst vor einigen Monaten in einer Münzknappheit bemerkbar. Damals erklärte die Deutsche Bundesbank, sie könne möglicherweise bald nicht mehr alle Münz-Wünsche der Einzelhandelsketten erfüllen. Deshalb bat sie die Verbraucher, gehortete Münzen wieder auszugeben. Gleichzeitig appellierte sie auch an die Händler, auch größere Mengen Kupfergeld anzunehmen. Zudem wurden seit März 2003 rund 3,5 Milliarden neue Münzen in Auftrag gegeben. Etwa die Hälfte davon wurde bereits produziert.
Während die kleinen Münzen für die Verbraucher oftmals lästig sind, bedeuten sie für den Bund auch Kosten. Nicht zuletzt durch den hohen Stahlpreis - der Kern der Kupfermünzen besteht aus Stahl - übersteigen die Herstellungskosten der kleinsten Münzen deutlich deren Nennwert.
Vorreiter Finnland und Niederlande
Andere Länder haben bereits die kleinen Centstücke weitgehend aus den Supermarktkassen verbannt oder haben sich dies vorgenommen. Allen voran hat Finnland schon mit der Einführung des Euro auf die Ein- und Zwei-Cent-Münzen verzichtet. Dabei übernahm man die seit den 70er Jahren geltenden Auf- und Abrundungsregeln aus den Zeiten der alten Währung Finnmark.
Demnach werden alle Beträge mit ein und zwei Cent am Ende auf null sowie mit sechs und sieben Cent auf fünf abgerundet. Beträge mit einer Drei und Vier am Ende werden auf fünf - Beträge mit einer Acht und Neun auf null aufgerundet. Dies gilt jedoch nur bei Barzahlungen. Für alle elektronischen Zahlungsformen werden auch weiterhin die jeweils exakten Rechnungsbeträge angewandt. Preise wie 99,99 Euro sind daher in den Geschäften durchaus üblich. Zudem sind die Ein- und Zwei-Cent-Münzen auch weiterhin ein gesetzliches Zahlungsmittel. Wer also in Finnland weiterhin mit diesem Münzen bezahlen will, kann dies selbstverständlich tun. Praktisch sind diese Münzen aber nur bei Finnlands Sammlern begehrt.
In den Niederlanden hat nun ebenfalls der Abschied von den kleinsten Cent-Münzen begonnen. Viele Supermärkte runden bereits an den Kassen den Endbetrag auf beziehungsweise ab. Beispiel: ein Betrag von 19,98 wird auf 20 Euro aufgerundet - ein Betrag von 19,92 auf 19,90 abgerundet. Ab 1. September wird diese Regelung auch landesweit gelten: dann dürfen alle Einzelhändler an den Kassen auf fünf Eurocent auf- oder abrunden.
Die Regelung geht zurück auf eine Empfehlung eines Beratergremiums aus Vertretern der niederländischen Zentralbank, des Einzelhandels, des Hotel- und Gaststättengewerbes, der Tankstellen, Banken und Verbraucherverbände. Zuvor war ein Modellversuch in der Kleinstadt Woerden bei Utrecht zum 1. Juli abgeschlossen worden. Dort hatten 83 Prozent der Verbraucher positiv auf das Runden der Endbeträge an den Kassen reagiert.
Der Verband der Einzelhändler erhofft sich von dieser Regelung jährliche Kosteneinsparungen von rund 30 Millionen Euro. Einzelhandel und Banken hoffen, dass auf diese Weise die kleinen Münzen allmählich aus dem Zahlungsverkehr verschwinden. Der Staat verspricht sich dadurch geringere Transport- und Prägekosten. So erwägt das Finanzministerium bereits, die Produktion der kleinen Münzen zu verringern oder sogar einzustellen. Belgien prüft mittlerweile ein ähnliches Verfahren. Ob es dazu jedoch ein Gesetz geben wird, ist jedoch noch offen.
Unterschiedliche Positionen in Deutschland
Die Deutsche Bundesbank ist hingegen dem Eindruck entgegen getreten, sie halte die Ein- und Zwei-Cent-Münzen ebenfalls für verzichtbar. Ein Sprecher der Bundesbank sagte, es habe für die Stückelung der Münzen gute Gründe gegeben, die auch an die Tradition der D-Mark anknüpften. Die Notenbank sehe daher derzeit "keinen Grund, davon abzugehen." Allerdings würden "alle Aspekte geprüft, die derzeit in der Öffentlichkeit diskutiert werden". Wolfgang Söffner, Zentralbereichsleiter Bargeld bei der Bundesbank, erklärte, die Bundesbank stehe einer Rundungsregel für die Preise im Einzelhandel aufgeschlossen gegenüber.
Dagegen bekräftigte der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) seine Position, der Cent müsse auch weiterhin als kleinste Münzeinheit im Zahlungsverkehr vorkommen. Weder Handel noch Kunden wollten darauf verzichten, sagte Verbandssprecher Hubertus Pellengahr. Für den Lebensmittelhandel aber sind die Kleinstmünzen eine Medaille mit zwei Seiten. Einerseits "arbeiten wir sehr viel mit diesen 9er-Preisen", erläuterte Gerd Härig, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Lebensmittelhandel. Demnach seien die ungeraden Cent-Preise am Ende traditionell ein wesentliches Marketinginstrument im hart umkämpften deutschen Lebensmittelhandel. Andererseits würde der Wegfall aber auch die Kosten reduzieren. "Die Abrechnungen am Abend sind aufwändig", unterstrich Härig.
Marktforscher hingegen haben sich gegen die Überlegungen ausgesprochen, die Preise zu runden. "Das wäre ein großer Fehler", meint Wolfgang Twardawa, Marketingleiter des Marktforschungsinstituts GfK. Schwellenpreise signalisierten, dass "knallhart kalkuliert worden" ist. Auch das Runden der Endpreise an der Kasse würde nicht gewünscht. "Geld wird dadurch beliebiger", so Twardawa.
Nach Auffassung des Kommunikationsexperten Bernd Michael stifte die Diskussion um die Ein- und Zwei-Cent-Münzen nichts als Verwirrung. "Wir leben in einer Welt, in der die Verunsicherung fast schon zum System erklärt wird", kritisierte der Europa-Chef der Werbeagenturgruppe Grey. Viele Bürger fühlten sich ohnehin schon der Politik und der Wirtschaft über den Tisch gezogen. "Es wäre nun einer der größten Fehler, die Bevölkerung ein weiteres mal zu verunsichern und die Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen", unterstrich Michael.
Eine repräsentative Umfrage des Forschungsinstituts Emnid im Auftrag der "Wirtschaftswoche" ergab jedenfalls, dass sich 54 Prozent der Befragten dagegen aussprachen, die Ein- und Zwei-Cent-Münzen abzuschaffen. Für einen Verzicht plädierten 39 Prozent.
Ein Sprecher von EU-Währungskommissar Joaquín Almunia wies darauf hin, dass die Händler auch bei gerundeten Preisen weiterhin Münzen im Wert von ein und zwei Cent akzeptieren müssten. Zwar könnten sich die Wirtschaftspartner auf ein Ab- oder Aufrunden der Beträge einigen. Allerdings dürften die Einzelhändler deswegen die Ein- und Zwei-Cent-Münzen zurückweisen.
|
Kurzinfo: Euro-Münzen |
|
|
Für die Stückelung der Cent-Münzen ist gemäß Artikel 106 des EG-Vertrags der Ministerrat zuständig. Demnach haben die Mitgliedstaaten zwar "das Recht zur Ausgabe von Münzen". Der Rat dürfe aber Maßnahmen erlassen, "um die Stückelung und die technischen Merkmale aller für den Umlauf bestimmten Münzen soweit zu harmonisieren, wie dies für deren reibungslosen Umlauf innerhalb der Gemeinschaft erforderlich ist". Bereits 1991 wurde erstmals über die Stückelung der Münzen diskutiert. Der Ministerrat entschied sich für die derzeitige, achtteilige Münzserie.
Im Gegensatz zu den Münzen ist die Europäische Zentralbank (EZB) für die Aufteilung der Euro-Scheine zuständig. Auch die Menge der von den Staaten hergestellten Münzen bedarf der Genehmigung durch die EZB.
|
Weitere Informationen:
Erstveröffentlichung am 30.08.2004 |
|
nach oben - Druckversion - Haftungsausschluss - Sitemap