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Die Beitrittsländer und ihre Menschen (I)

Rund 75 Millionen Menschen mehr werden nach der Osterweiterung am 1. Mai der EU angehören. Doch wie sind die Menschen, die in den zehn Beitrittskandidaten leben? In welchem Ruf stehen die angehenden EU-Europäer? Wir geben Ihnen einen Überblick.

Über mangelndes Selbstbewusstsein können die Polen nicht klagen. Vielmehr erhebt das größte Land der Beitrittskandidaten unverhohlen Anspruch auf eine regionale Führungsrolle. Daher wird Polen am 1. Mai weder stillschweigend noch auf Zehenspitzen der EU beitreten. Es wird vielmehr stolz und selbstbewusst mitreden wollen.

Dabei sind der Stolz, der Kampfgeist und die Aufmüpfigkeit der Polen beinahe schon legendär. Deren Willen zur Selbstbehauptung bekamen bereits im 19. Jahrhundert die großen Nachbarn Preußen, Österreich und Russland zu spüren, als diese das schwache Königreich Polen unter sich aufteilten. Auch später beugte sich die polnische Gesellschaft weder dem nationalsozialistischen Besatzungsterror noch dem Stalinismus. Kein Wunder also, dass die Polen nach deren historischen Erfahrungen nicht vor Konflikten mit der EU-Bürokratie zurückschrecken.

Briefmarke zur EU-Erweiterung 2004
EU-Erweiterung 2004
© Deutsche Post AG / cc-by-sa
Umso bitterer jedoch ist für die Polen, dass sie sich vor allem im Nachbarland Deutschland falsch dargestellt fühlen. Viele schmerzt es, in der deutschen Bevölkerung als das Land der Autodiebe, Zigarettenschmuggler, Schwarzarbeiter und illegalen Putzfrauen wahrgenommen zu werden. Dabei glauben die Polen - die stets kritisch jeglicher Obrigkeit gegenüberstehen - längst nicht, dass alles perfekt ist in ihrem Land. So teilen sie durchaus die Kritik der Brüsseler EU-Kommission oder ausländischer Investoren an der schwerfälligen Bürokratie sowie der noch weit verbreiteten Korruption und Vetternwirtschaft. Und dennoch: jeder versucht irgendwie ans Ziel zu gelangen - getreu dem Motto: "irgendwas lässt sich da schon machen".

Dabei hat der politische und wirtschaftliche Wandel hat tiefe Spuren hinterlassen und neue soziale Kontraste geschaffen. So lassen sich neureiche Polen ihre Villen in den Vororten bauen, während die tristen Plattenbausiedlungen zu Slums verelenden, die jeder verlässt, der es sich leisten kann. Doch anders als der Durchschnittspole in den achtziger Jahren ist die Arbeit am ganz persönlichen Wirtschaftswunder wichtiger als das Engagement in der Politik. Diese gilt ohnehin nicht als geeignete Beschäftigung für anständige Leute. Selbst mit der Frömmigkeit nehmen es die Polen nicht mehr so genau wie in der kommunistischen Ära - ganz zum Leidwesen der Kirche. Nur in einem sind sich die streitfreudigen Polen jedoch einig: der größte Pole aller Zeiten ist Karol Wojtyla - ihr Landsmann auf dem Papstthron im Vatikan.

Ungarn: pragmatisch, nationalistisch und kosmopolitisch

Es gibt so einige Klischees über Ungarn - auch wenn sie nur noch für den Tourismus gut sind. So fangen die Irrtümer bereits beim Gulasch an. Was weltweit unter diesem Namen auf den Teller kommt, hat mit dem Original kaum gemein. Echtes ungarisches "gulyas" ist vielmehr eine traditionelle Hirtensuppe mit Rindfleisch-Würfeln, Kartoffeln und kleinen gezupften Knödeln. Ein weiteres Klischee wurde im 19. Jahrhundert von den Spätromantikern nach Westeuropa getragen. Dies beinhaltete die Vorstellung vom wilden, schnauzbärtigen Ungarn, der melancholisch in die Puszta blickt und feurig Csardas tanzt. Auch das Bild vom traurig geigenden Zigeunerprimas entspricht heute schon einem Klischee. Heute sind die meisten Zigeunermusiker meist arbeitslos, da sie unter den Einheimischen kein Publikum mehr finden. Dies finden sie höchstens noch bei den Touristen.

Ungarn wirken vielmehr recht widersprüchlich. Einerseits gelten sie als knallharte Pragmatiker, die es durch schlaue Beharrlichkeit geschafft haben, der Sowjetführung jahrzehntelang ihren milden "Gulaschkommunismus" abzutrotzen. Immerhin hatte Ungarn nach dem blutig niedergeschlagenen Aufstand von 1956 die offenste Gesellschaft im ganzen Ostblock.

Andererseits kritisieren ihre Nachbarvölker die Ungarn als scharfe Nationalisten. Dies trifft zwar vor allem auf extrem rechte Kreise zu. Für die breite Masse des Volkes hingegen ist eher ein paradoxer kosmopolitischer Patriotismus charakteristisch, der mehr auf Integration als auf Absonderung abzielt. Immerhin schrieb bereits der ungarische Staatsgründer König Stephan (997-1038) in seinen "Ermahnungen" - einer Art politischem Testament - an seinen Sohn: "Ein Land, dass nur einerlei Sprache und einerlei Sitten hat, ist schwach und gebrechlich." Noch heute wird jeder Ausländer, der den Ungarn Sympathie bekundet in hohem Maße respektiert - vor allem, wenn er die schwierige ungarische Sprache lernt.

Tschechien: "Soldat Schwejk" zieht ins Haus Europa ein

Für EU-Erweiterungskommissar Günter Verheugen sind die Tschechen misstrauische Menschen. Gäbe es einen "Nobelpreis für Skepsis", würde ihn wohl jedes Jahr ein Tscheche gewinnen, meint der Diplomat. Hintergrund dafür sind Umfragen: danach meinen viele Böhmer und Mährer, sie wüssten eigentlich nicht, welche Vorteile die EU-Mitgliedschaft eigentlich bringen würde.

Jedenfalls sind die Tschechen den Deutschen besonders nah. Mit keinem anderen Land besitzt Deutschland eine so lange gemeinsame Grenze wie mit Tschechien. Prag steht von allen europäischen Hauptstädten Berlin am nächsten. Und in Umfragen gaben die meisten Tschechen an, dass sie von allen Fremdsprachen Deutsch am besten verstehen. Immerhin schrieben einige der größten Dichter des Landes in dieser Sprache - allen voran Franz Kafka oder Egon Erwin Kisch.

Die Tschechen gelten auch als belesen. So gingen in der kommunistischen Ära die verbotenen Klassiker der Weltliteratur als illegale Drucke von Hand zu Hand. Heute verkürzen sich auch junge Leute ihre Zeit an der Bushaltestelle oder im Park mit Büchern oder Zeitungen. Lange Schlangen vor den Buchläden sind bei Neuerscheinungen keine Seltenheit.

Am meisten lesen die Tschechen aber wohl in ihrer "chalupa" - dem Wochenendhaus. Tausende davon entstanden meist - vom kommunistischen Regime geduldet - als Eigenbau im Grünen. Dort widmen sich die "Stadtflüchtlinge" ihrer Leidenschaft der Pilzsuche oder verfolgen am Fernsehen die Spiele ihres Nationalsports Eishockey. Fernreisen gönnen sich die Tschechen hingegen kaum. Viele fahren im Winter für eine Woche zum Skifahren nach Österreich oder in die Slowakei. Im Sommer zieht es sie oft für zwei Wochen an die kroatische Adria.

In Karikaturen werden die Tschechen oft auch in der Pose des "braven Soldaten Schwejk" dargestellt. Die Figur wurde 1921 von Schriftsteller Jaroslav Husek (1883-1923) erfunden. In seinen Romanen hebelte Schwejk die Obrigkeit nicht mit Konfrontation, sondern mit Schlitzohrigkeit aus - eine Eigenschaft, die viele Tschechen für sich reklamieren. In den Zeiten der Habsburger, des Nazi-Regimes oder der kommunistischen Ära lehnten sich daher viele Tschechen durch gespielte Begriffsstutzigkeit und nicht durch offenen Widerstand auf.

Probleme gibt es zudem heute noch zwischen den "weißen Tschechen" und der starken Minderheit der "Roma". Konzepte für ein konfliktfreies Zusammenleben sind bis heute nicht gefunden. Auch Korruption und Kleinkriminalität machen dem Land noch zu schaffen, die bei Ausländern gelegentlich das hässliche Bild des Tschechen als "skrupellosen Abzocker" entstehen lassen.

Im zweiten Teil geht es weiter.

Weitere Informationen:

 Erstveröffentlichung am 30.08.2004


© Tobias Daniel - alle Rechte vorbehalten


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