"Frflat" bedeutet in Slowakisch in etwa soviel wie "raunzen" oder jammern. Denn Jammern gilt den Slowaken fast schon als nationale Tugend - auch wenn es gar nicht so schlecht läuft. Daher ist verwundert es auch nicht weiter, dass bei der Frage nach den Perspektiven des EU-Beitritts eher Skepsis und Pessimismus dominieren. Und dies trotz der Tatsache, dass die Slowakei mit 92,46 Prozent die höchste Zustimmung zum EU-Beitritt in allen Kandidatenländern erzielte.
Öffentliche Proteste oder Massen-Kundgebungen hingegen sind eher selten. So versucht die Gewerkschaft etwa seit Monaten gegen Reformen der Regierung mobil zu machen, die einen Großteil der Bevölkerung treffen - bislang vergebens. Dass die Eisenbahner vor einem Jahr wegen eines organisierten Streiks mehrere Züge ausfallen ließen, schockte die Slowaken mehr als alle Sozialkürzungen der Regierung. Neben der guten Qualifikation der vergleichsweise billigen Arbeitskräfte loben ausländische Investoren daher auch den sozialen Frieden im Land.
Mit dem Nationalstolz ist es angesichts der gerade mal elfjährigen Unabhängigkeit der Slowakei noch nicht soweit her. Für viele Slowaken ist es eher ein historisches Trauma, über Jahrhunderte hinweg von fremden Mächten beherrscht und unterdrückt zu werden: ob von Ungarn, den österreichischen Habsburgern, den Tschechen oder zuletzt den Sowjets. Umso stolzer sind die Slowaken daher, dass die Eishockey-Nationalmannschaft 2002 Weltmeister wurde.
Fragt man die Slowaken nach ihren Schwachpunkten, zählen sie Ausländern gegenüber die weit verbreiteten Laster Alkoholismus und Korruption auf. Die EU-Kommission kritisiert zudem die großen regionalen Unterschiede zwischen der Hauptstadt Bratislava und dem Rest des Landes sowie die Diskriminierung der Roma-Minderheit. Davon wollen die Slowaken jedoch am liebsten nichts hören. "Wir sind nicht rassistisch, aber mit Zigeunern kann man wirklich nicht zusammenleben", lautet ein gängiger Satz im Land.
Sloweniens Endstation in Europa
Die Slowenen genießen ihr gemütliches Leben in ihrem Land zwischen Alpen und Adria. Besonders stolz sind sie auf ihre Sprache und Kultur, die fast ein Jahrtausend der Fremdherrschaft überdauerte. Dabei ist die Mentalität der Slowenen eine einzigartige Mischung der Mentalitäten aus ihren Nachbarn und Vorfahren: Disziplin und ihre Liebe zum Bier übernahmen sie von den Deutschen, manchmal sind sie laut wie die Italiener, das slawische Temperament ist in ihrer Kämpfernatur und Gastfreundschaft zu erkennen.
Und dennoch: ordentlich in Rage bringen kann man die künftigen EU-Mitbürger aus Slowenien, wenn man sie auf dem berühmt-berüchtigten Balkan positioniert oder mit ihren slowakischen Nachbarn verwechselt. Wegen des relativen Wohlstandes und des daraus resultierenden Selbstbewusstseins war es für die Slowenen daher nur allzu natürlich, das der Weg nach dem Zusammenbruch des Vielvölkerstaates Jugoslawien in die Europäische Union führte. Und dennoch rangieren die Slowenen bei Meinungsumfragen in der "alten EU" stets auf dem letzten Platz. Dafür macht Slowenien vor allem das Negativimage der ehemaligen jugoslawischen Teilrepubliken.
Alles in allem geben sich die gerne als polyglott. Englisch ist bereits seit rund vierzig Jahren die obligatorische erste Fremdsprache. Viele Slowenen sprechen zudem deutsch, in den Nachbarregionen zu Italien und Ungarn kommt die jeweilige Nachbarsprache dazu. Wegen der gemeinsamen Vergangenheit sprechen zudem viele Slowenen auch Kroatisch. Trotz der hohen Sprachkenntnisse sowie der recht hohen Ausbildung und Fachkompetenz zieht es die meisten Slowenen nicht ins EU-Ausland. Im Gegenteil: jüngere Umfragen ergaben sogar, dass Slowenien sogar viele Zuwanderer aus den anderen neuen EU-Staaten locken könnte.
Estland: "große Familie" im Nordosten Europas
Wenn Estlands ehemaliger Staatspräsident Lennart Meri über sein Volk nachdenkt, kommt er zu dem Schluss: "Wenn man ehrlich ist, dann sind wir vielleicht doch eher eine große Familie." Dabei stehen die Esten durchaus in dem Ruf, pragmatischer zu sein als ihre baltischen Nachbarn. Immerhin setzten die Regierungen bereits früher als andere Reformdemokraten nach dem Ende der Sowjetzeit auf den entschiedenen Wechsel zur Marktwirtschaft. Dabei wurden einleuchtende Ideen oftmals binnen weniger Wochen in Gesetze gegossen und umgesetzt. "Unsere flachen Hierarchien haben entscheidend geholfen", meint Außenministerin Kristiina Ojuland.
Dabei hat der jahrhundertealte Einfluss des Deutschen Ordens und später des deutsch-baltischen Adels deutliche Spuren hinterlassen. So übernahm Estland große Teile der Gesetzgebung von Deutschland und seine Währung - die Estnische Krone - wurde kurz nach der Unabhängigkeit 1991 an die damalige Deutsche Mark gekoppelt. Zudem ist Ordnung beileibe kein Schimpfwort in Estland. Immerhin gelten Rechtssicherheit und Korruptionsbekämpfung dort als vorbildlich.
"Wahrheit und Recht sind vielleicht unsere Lebensgrundsätze", meint der estnische Schriftsteller Jan Kross, der immer wieder für den Literatur-Nobelpreis genannt wird. Seine Romane und Erzählungen beschäftigen sich vor allem mit dem Wesen der Esten sowie mit den Deportationen unter den Besatzungsmächten. Während des Zweiten Weltkrieges war Estland von den Nazis besetzt und anschließend unfreiwillig in die UdSSR eingegliedert worden. Ihre Eigenheiten haben sich die Esten dennoch beibehalten.
Lettland: Gesellschaft zwischen den Volksgruppen
Ist er nun Lette? Oder doch Russe? Yuri weiß es wohl selbst nicht so genau, denn wie dem 24-jährigen Wirtschaftsstudenten geht es vielen in Lettland. Denn knapp 29 Prozent der knapp 2,4 Millionen werden in den Statistiken als "russischstämmig" ausgewiesen - rund 500.000 von ihnen sind nicht eingebürgert. Durch die Gesellschaft der ehemaligen Sowjetrepublik läuft ein Riss zwischen Letten und Russen.
Zwischen Estland, Litauen und Russland eingeklemmt war der kleine Ostseestaat bereits in blühenden Hanse-Zeiten ein kultureller Schmelztiegel. Und die lettische Kultur gilt es zu schützen, wenn es nach den einheimischen konservativen Politikern geht. Denn viele von ihnen können die Unterjochung durch das Sowjetregime nicht vergessen. So waren beispielsweise die berühmten Dainas - folkloristische Kurzlieder, die kurz vor der Aufnahme in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes stehen - zu Sowjetzeiten aus dem öffentlichen Leben verbannt.
Nach der Unabhängigkeit 1991 erließen die lettischen Regierungen Gesetze, die von der OSZE und dem Europarat scharf als diskriminierend kritisiert wurden. So durften selbst private Fernseh- und Radiostationen ihr Programm nur zu einem Viertel in russischer Sprache senden - innerbetriebliche Kommunikation hatte in Lettisch zu geschehen. Zudem war die Einbürgerung an einen Geschichtstest gebunden, den selbst ur-lettische Abgeordnete kaum bestehen konnten. Erst Ende der neunziger Jahre brachte Lettlands Staatspräsidentin Vaira Vike-Freiberga die notwendigen Reformen auf den Weg - allein schon, um nicht bei der Erweiterung der NATO und der EU außen vor zu bleiben.
Und dennoch: die ethnischen Unterschiede sind deutlich spürbar geblieben und nur selten mischen sich die Bevölkerungsgruppen in der Öffentlichkeit untereinander. Ob Kinos, Theater oder Discotheken: die Betreiber teilen ihre Zielgruppen noch immer nach Sprache. Denn "insgeheim sind beide Seiten zu stolz", meint Yuri.
Im dritten Teil geht es weiter.
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Erstveröffentlichung am 30.04.2004 |
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