Sie war einst als Vorzeigeprojekt der Bundesregierung gestartet. Als vor vier Jahren die IT-Branche noch boomte, schien die Greencard gerade recht zu kommen, um den deutschen Unternehmen die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. So sollte mit einem Sofortprogramm der hohe Bedarf an Fachkräften in der Branche gedeckt werden. Die Euphorie war jedoch schnell verflogen - ab 2005 sollen daher keine IT-Fachkräfte mehr angeworben werden.
Seit August 2000 können ausländische Computerspezialisten mit einer Greencard in Deutschland arbeiten, um den Fachkräftemangel in der deutschen High-Tech-Branche zu beheben. Dafür erhalten die Inhaber der Greencard eine auf fünf Jahre befristete Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis. Vorgestellt wurde die Initiative bereits im März 2000 von Bundeskanzler Gerhard Schröder auf der Computermesse CeBIT in Hannover. Ursprünglich war das Projekt auf drei Jahre angelegt und wurde 2003 erneut für ein Jahr verlängert, um den Zeitraum bis zum Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes zu überbrücken.
Ziel war es, binnen drei Jahren etwa 20.000 hochqualifizierte Experten ins Land zu holen. Allerdings litt das Projekt nicht nur an bürokratischen Hürden - auch die zeitlich befristeten Visa und ein Verbot des Familiennachzugs schreckten viele IT-Experten ab. Während in den ersten zwei Jahren noch 12.500 Greencards vergeben wurden, flaute das Interesse seitdem deutlich ab. So werden derzeit pro Monat nur noch etwa 200 Arbeitsgenehmigungen für ausländische IT-Fachkräfte erteilt. Bis September diesen Jahres wurden insgesamt 17.369 Greencards vergeben. Mit 5.439 Inhabern stellen die indischen Staatsbürger die größte Gruppe unter den Arbeitskräften. Zwischen 500 und 900 Fachleute kamen aus Rumänien, Russland, Polen und China.
Schlechte Arbeitsmarkt-Lage schreckt Interessenten ab
Heute schreckt jedoch die schlechte Lage auf dem IT-Arbeitsmarkt viele potenzielle Bewerber ab. So veranlasst die hohe Arbeitslosenquote in der IT-Branche die Arbeitsagenturen dazu, die wenigen freien Stellen nicht mehr mit ausländischen Fachkräften zu besetzen, "sondern die vorhandenen Greencard-Inhaber so gut es geht", erklärt Eva Maria Kuhn vom IT-Sonderteam der Zentrale für Arbeitsvermittlung (ZAV).
Somit sollen ab 2005 keine ausländischen Arbeitskräfte mehr aktiv geworben werden. Stattdessen sollen nur noch dann gezielt ausländische Fachkräfte ins Land kommen, wenn die freien Stellen nicht von Deutschen oder EU-Bürgern besetzt werden können.
Diejenigen Greencard-Inhaber, die derzeit ohne Arbeit sind, kümmert jedoch derzeit nur die eigene Lage. So dürfen die Fachkräfte nur eine Tätigkeit in der IT-Branche ausüben. Eine ausländische Arbeitskraft, die weniger als zwölf Monate in Deutschland gearbeitet hat, erhält zwar Arbeitslosengeld, hat aber genau drei Monate Zeit, um eine neue Beschäftigung zu finden. Zudem sollen auch für die neuen Zumutbarkeitsregeln von Hartz IV gelten.
Spezialisten-Mangel in den Herkunftsländern
Ein weiterer Grund für die schwache Nachfrage dürfte auch der sich abzeichnende Mangel von Spezialisten in den Herkunftsländern sein. Der indische Verband der Software- und Dienstleistungsunternehmen schätzte kürzlich, dass der wachsenden Outsourcing-Industrie bis 2012 etwa 262.000 Fachkräfte fehlen werden. Indien befürchtet daher, im Wettstreit um Outsourcing-Standorte mit Mittel- und Osteuropa sowie mit Irland und Israel ins Hintertreffen zu geraten. Dabei ist der indische Markt für die Auslagerung von Unternehmensbereichen hoch attraktiv: indische Fachkräfte arbeiten für ein Siebtel des Gehalts ihrer europäischen Kollegen, verdienen aber acht Mal mehr als der durchschnittliche Inder mit einem Jahreseinkommen von 450 Dollar (rund 380 Euro).
Vor allem Großkonzerne aus Großbritannien und den USA verlagern immer mehr Geschäftsbereiche ins Ausland, wo sie von billigeren, talentierten und englischsprachigen Arbeitskräften übernommen werden. Der Abzug von Call- und Service-Centern, Logistik, Buchhaltung, Lagerhaltung oder Verkaufsplanung nach Asien bringt den Konzernen eine Kostenersparnis in Millionenhöhe. Besonders begehrt sind die günstigen Arbeitsplätze vor allem bei Technologiekonzernen, Banken, Versicherern, Beratungsgesellschaften oder Telefonkonzernen. Auch deutsche Firmen zeigen ein zunehmendes Interesse an der Auslagerung von Unternehmensbereichen.
Zuwanderungsrat will weiter anwerben
Der Zuwanderungsrat der Bundesregierung geht jedoch davon aus, dass Deutschland trotz der hohen Arbeitslosigkeit auf "eine gezielte begrenzte arbeitsmarktorientierte Zuwanderung" angewiesen sei. Dies geht aus einem kürzlich veröffentlichten Jahresgutachten für das kommende Jahr hervor. Allein für 2005 geht das Gremium von einem Bedarf an 25.000 qualifizierten Arbeitskräften aus dem Ausland aus.
Allerdings stieß der Vorschlag des Zuwanderungsrates bei CDU, SPD und FDP auf Kritik. "Die Arbeit, die in Deutschland vorhanden ist, muss von den Deutschen und den Nicht-Deutschen, die in Deutschland gemacht werden", sagte der SPD-Innenpolitiker Dieter Wiefelspütz im RBB-Inforadio. Er sei "dagegen, dass wir jetzt die Türen offen machen für Zuwanderung auf den Arbeitsmarkt von außen". Vorrang müsse die Qualifizierung der einheimischen Arbeitskräfte, so Wiefelspütz.
Auch die rotgrüne Bundesregierung werde die Empfehlung nicht aufgreifen. Regierungssprecher Béla Anda nannte es "erstaunlich"m dass angesichts von über vier Millionen Arbeitslosen in Deutschland Arbeitskräfte fehlten. CSU-Landesgruppenchef Michael Glos bezeichnete die Vorschläge des Zuwanderungsrates als "zynisch". Der innenpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Max Stadler, sagte gegenüber der "Netzeitung", dass inländische Arbeitskräfte immer Vorrang hätten. Falls die Unternehmen dennoch einen Bedarf sähen, müssten sie diesen "klar" nachweisen.
Zustimmung kam lediglich von den Grünen. Volker Beck, Parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen-Fraktion im Bundestag, erklärte, das Ergebnis des Zuwanderungsrates sei exakt das, was die Grünen bei den Verhandlungen zum Zuwanderungsgesetz vertreten hätten. Zudem stelle sich die Frage, warum ein solcher Rat bestellt werde, "wenn man sowieso vorhat, ihn zu verwerfen", sagte Beck.
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Kurzinfo: Greencard |
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Der Begriff "Greencard" war die Bezeichnung für das sogenannte "Sofortprogramm zur Deckung des IT-Fachkräftebestands" in Deutschland. Im Rahmen dieses Programmes sollten Experten aus dem Bereich der Informationstechnologie (IT) eine Arbeitserlaubnis in Deutschland erhalten, die nicht aus der EU oder der Schweiz kamen. Die Genehmigung war jedoch an bestimmte Bedingungen geknüpft:
- so erhielten IT-Fachkräfte mit Greencard lediglich eine Aufenthaltserlaubnis für fünf Jahre;
- die Greencard erhielten nur die IT-Fachkräfte, die einen entsprechenden Hochschulabschluss vorwiesen oder mindestens 50.000 Euro verdienten;
- zudem war die Zahl der Greencards zunächst auf 10.000 begrenzt - wurde aber nach einem Jahr auf 20.000 erhöht.
Die Greencard trat am 1. August 2000 in Kraft und lief Ende 2004 aus, da sie durch ein neues Zuwanderungsgesetz ersetzt wurde, welches IT-Fachkräfte privilegierte. Während dieses Zeitraums kamen insgesamt 17.931 IT-Experten nach Deutschland - zumeist aus Indien, Äthiopien und Osteuropa. Ein Großteil von ihnen fand in München, Stuttgart oder Frankfurt am Main einen Arbeitsplatz - nur wenige jedoch in Nord- und Ostdeutschland. In der deutschen Öffentlichkeit wurde die Greencard intensiv und kontrovers diskutiert. Der Erfolg der Greencard lässt sich nur schwer messen, da sie vom Zusammenbruch der New Economy und des Neuen Marktes überschattet wurde.
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Weitere Informationen:
Erstveröffentlichung am 25.10.2004 |
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