Es ist die zweitgrößte Wahl der Welt - nach den Parlamentswahlen in Indien. Rund 342 Millionen Menschen in 25 EU-Staaten sind in dieser Woche aufgerufen, die neuen Abgeordneten des Europaparlaments zu bestimmen. Allerdings ist die Wahlbeteiligung in den bisherigen 15 Mitgliedstaaten in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder zurückgegangen. Nur in den Ländern mit Wahlpflicht - wie in Belgien oder Luxemburg - wird noch eine Wahlbeteiligung von etwa 90 Prozent erzielt.
Nach einer Umfrage des "Eurobarometers" Mitte Mai ist mit einer Wahlbeteiligung von nur rund 45 Prozent zu rechnen. Damit würde sich der Abwärtstrend der bisherigen Europawahlen fortsetzen. Zu den wichtigsten Gründen für die befürchtete Wahlabstinenz gehört nach Erkenntnissen der Wahlforscher das mangelnde Bewusstsein über die Bedeutung des Parlaments. Auch wenn das Europaparlament bislang noch kein echtes Gegengewicht zu den EU-Regierungen darstellt - es ist beileibe kein zahnloser Tiger mehr. Die Abgeordneten verweisen dabei stolz auf ihre bisherigen Erfolge, darunter etwa:
- unverschlüsselte Übertragung wichtiger Sportereignisse im Fernsehen;
- strengere Umweltschutzauflagen für Kraftstoffe und Motoröle;
- starke und deutlichere Warnhinweise zur Schädlichkeit des Rauchens;
- gesetzliche Verankerung der umweltverträglichen Entsorgung von Altautos
Zudem muss der Präsident der EU-Kommission vom Europaparlament bestätigt werden. Und schon in Kürze soll ein Nachfolger für Kommissionspräsident Romano Prodi gefunden werden, dessen Amtszeit im Oktober endet. Dann werden sich auch die Staats- und Regierungschefs der EU-Mitgliedstaaten die Mehrheitsverhältnisse im Europaparlament genau anschauen müssen.
Ausgangsituation in den EU-Ländern
In Deutschland herrscht eine Woche vor den Wahlen nur in einem Punkt Einigkeit: die Europawahlen sollen eine Denkzettel-Wahl werden. Europa ist dabei zur Nebensache geworden, vielmehr bestimmen innenpolitische Themen den Wahlkampf. Verstärkt wird der bundespolitische Aspekt durch die Landtagswahlen in Thüringen sowie durch die Kommunalwahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und dem Saarland. Vor allem die Union setzt auf einen Denkzettel für die rot-grüne Bundesregierung - Europa bleibt ein Nebenthema. Das Nein zum EU-Beitritt der Türkei wird allerdings in jeder Wahlkampfrede erwähnt.
Keine Langeweile hingegen ist im Europawahlkampf Österreichs aufgekommen. "Schuld" daran ist vor allem der Journalist und EU-Parlamentarier Hans-Peter Martin, der bereits durch seinen europaweiten Kampf gegen das angebliche "Spesenrittertum" seiner Abgeordnetenkollegen. Daneben gibt es eigentlich nur zwei wirklich wichtige Themen: der EU-Beitritt der Türkei, den die Mehrheit der Österreicher ablehnt - und der tief sitzende EU-Frust, der die Wahlbeteiligung deutlich unter 50 Prozent drücken könnte.
Frankreich zeigt Europa im Wahlkampf die kalte Schulter. Prominente Spitzenkandidaten für die Europawahl muss man mit der Lupe suchen. Der Wahlkampf wird meist für innenpolitische Zwecke missbraucht und Brüssel gilt seit den Verstößen gegen den Stabilitätspakt eher als Reizwort. Hinzu kommt, dass einer Untersuchung der Nationalversammlung zufolge französische Minister häufiger bei den EU-Ratssitzungen fehlten als ihre Kollegen. Außerdem beteiligten sich die Franzosen - mit Ausnahme der Italiener - am wenigsten an den Plenarsitzungen des Europaparlaments.
Italiens Star im Europawahlkampf ist EU-Kommissionspräsident Romano Prodi - obwohl dieser noch nicht einmal für das Europaparlament kandidiert. So gilt es als unausgesprochenes Geheimnis, dass der Wirtschaftsprofessor die Europawahlen als Sprungbrett nutzen will, seinen alten Job wieder zu haben - nämlich den des Ministerpräsidenten. Dem Amtsinhaber Silvio Berlusconi - der zweite Star im Europawahlkampf - geht es vor allem darum, möglichst heil aus dem Wahlgang heraus zu kommen, um seinen Job möglichst frei von Beschädigungen weiter machen zu können. Die Europawahlen drohen somit zu einem "Stellvertreterkrieg" zu werden.
In Spanien ist die Europawahl für viele Politiker die "zweite Runde" der denkwürdigen Parlamentswahlen vom 14. März. Während die Sozialisten beweisen wollen, dass sie die Mehrheit der Spanier hinter sich haben, sinnen die Konservativen auf Revanche. So setzt die PSOE auch weiterhin auf den Irak-Krieg - die PP stellt hingegen EU-Themen in den Vordergrund. Sie legt den Sozialisten zur Last, dass sie spanische Interessen in Brüssel nicht hartnäckig genug verteidige. Nichts desto trotz liegt die PSOE nach Umfragen deutlich vorn.
Die Parteien in Portugal kämpfen gegen einen gemeinsamen Gegner: das Desinteresse der Wähler. Denn seit Jahren schon neigen die Portugiesen dazu, an Wahlsonntagen lieber daheim zu bleiben - insbesondere bei den Europawahlen. Hinzu kommt die Tatsache, dass die Europawahlen mitten in die Zeit der Fußball-Europameisterschaft fallen. So versuchen die Parteien auf der Welle der Fußballbegeisterung mitzuschwimmen. Während die Mitte-Rechts-Regierung mit dem Schlachtruf "Força Portugal" um Wählerstimmen buhlt, wollen die oppositionellen Sozialisten der Regierung die "gelbe Karte" zeigen.
In Großbritannien wird die Wahl nicht von den Europa-Themen bestimmt, sondern von der Irak-Politik. Umfragen zufolge könnte die regierende Labour-Partei auf den dritten Platz zurückfallen - also noch hinter den bislang immer weit abgeschlagenen Liberaldemokraten. Dabei buhlt sie sogar noch mit der bislang unbekannten "UK Independence Party" (UKIP) um die Gunst der Wähler. Sollte es wirklich soweit kommen, droht Premierminister Tony Blair eine Palastrevolution. Seine Partei könnte dann zu dem Schluss kommen, dass die nächsten Parlamentswahlen mit dem Regierungschef nicht mehr zu gewinnen sind. Immerhin empfinden die Wähler Blairs Irak-Politik als derartiges Fiasko, dass sich kaum mehr jemand für dessen wirtschaftlichen und sozialen Erfolge interessiert. Zudem wird Blair im Wahlkampf als Landesverräter beschimpft, der die "tausendjährige britische Unabhängigkeit" gegen das "Joch Brüssels" aufgeben will.
Irlands Regierungschef Bertie Ahern droht ebenfalls ein Denkzettel bei den Europawahlen - trotz seiner EU-Erfolge um die Verabschiedung einer europäischen Verfassung. Laut Oppositionsführer Pat Rabitte führt der irische Premier sogar die unpopulärste Regierung der Geschichte. Kritiker werfen Ahern und seiner konservativen Fianna Fail unter anderem gebrochene Wahlversprechen und Korruption vor. Und auch in der britischen Provinz Nordirland deuten sich politische Verschiebungen an: während sich die beiden politischen Schwergewichte John Hume und Ian Paisley nicht mehr zur Wahl stellen, könnte die IRA-nahe Sinn Fein ihren ersten Sitz im Europaparlament gewinnen.
In Belgien stehen die Europawahlen ganz im Schatten der Regionalpolitik. Gleichzeitig mit den Europawahlen sollen die Wähler auch ihre Vertreter in den regionalen Parlamenten von Flandern, der Wallonie und der Hauptstadtregion Brüssel bestimmen. Einmal mehr wird auch das Abschneiden des ausländerfeindlichen "Vlaams Blok" in Flandern erwartet. Zudem halten sich auch hartnäckige Gerüchte, dass der belgische Ministerpräsident Guy Verhofstadt im Herbst die Nachfolge von EU-Kommissionspräsident Romano Prodi antreten könnte.
Die Regierung der Niederlande hofft, bei den Wahlen einen Negativtrend stoppen zu können, der dem EU-Gründungsmitglied einen drastischen Rückgang des Wählerinteresses bescherte. Allein 1999 lag die Wahlbeteiligung nur bei 30 Prozent - das zweitschlechteste Ergebnis aller EU-Staaten nach Großbritannien. Daher verwundert es auch nicht, dass die Politiker das seit 25 Jahren schwindende Europainteresse wieder zu steigern. Ob dies jedoch gelingt, bleibt fraglich. Immerhin glauben Umfragen zufolge derzeit zwei Drittel aller Niederländer, dass sich Europa nicht mit den Problemen befasse, die sie persönlich angehen. Und dass die Diskussionen auf den Straßen, in den Sälen und im Fernsehen etwas an dieser Haltung ändern könnte, wird in den niederländischen Medien bezweifelt.
Im Großherzogtum Luxemburg gilt - neben Belgien und Griechenland - Wahlpflicht. Dabei können die rund 230.000 Wahlberechtigten zwischen sieben Parteien und 84 Kandidaten wählen. Zugpferd der regierenden Christlich-Sozialen Volkspartei (CSV) ist Europas dienstältester Regierungschef Jean-Claude Juncker. Dieser hatte bereits angekündigt, auch nach den gleichzeitig stattfindenden Parlamentswahlen Premier in Luxemburg bleiben zu wollen. Immerhin galt Juncker lange Zeit als aussichtsreicher Kandidat für die Nachfolge von Kommissionspräsident Prodi. Dessen Vorgänger wiederum, Jacques Santer, kündigte indes seinen Abschied aus dem Europaparlament und der Politik an. Nach den Wahlen wird Santer Aufsichtsratsvorsitzender des größten europäischen Medienkonzerns RTL.
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Kurzinfo: Europäisches Parlament |
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Das Europäische Parlament vertritt die Interessen der rund 500 Millionen Bürger in den 27 EU-Mitgliedstaaten. Mit 754 Abgeordneten ist das Parlament das einzige direkt gewählte Organ der Europäischen Union. Es kontrolliert die anderen EU-Institutionen und verabschiedet einen Großteil der EU-Gesetze sowie den Haushaltplan. Durch den Vertrag von Lissabon besitzt das Parlament seit Ende 2009 mehr Verantwortung und entscheidet heute in vielen Fällen gleichberechtigt mit dem Europäischen Rat. Offizieller Hauptsitz des Parlamentes ist Straßburg. Viele Abgeordnete arbeiten die meiste Zeit aber in Brüssel, da dort auch die Ausschüsse tagen. Das Generalsekretariat hat seinen Sitz in Luxemburg.
Die Abgeordneten werden gewöhnlich für fünf Jahre gewählt. An der Spitze des Europäischen Parlamentes steht der Präsident, der jeweils für zweieinhalb Jahre gewählt wird. So teilen sich die beiden größten Fraktionen im Parlament jeweils die Präsidentschaft in einer Legislaturperiode. Im Januar 2012 wurde der deutsche Sozialdemokrat Martin Schulz zum Präsidenten des Europaparlaments gewählt. Seit seiner Gründung 1952 ist er damit der siebte Deutsche an der Spitze der europäischen Volksvertretung.
Erster deutscher Parlamentspräsident war der baden-württembergische CDU-Politiker Hans Furler (1956-1958 und 1960-1962). Er setzte durch, dass die Parlamentarier nach Fraktionen und nicht nach Staatsangehörigkeit gruppiert sind. Erster SPD-Politiker an der Spitze des Parlamentes war der gebürtige Dortmunder Walter Behrendt (1971-1973). In die Amtszeit von Egon Klepsch (1992-1994) fällt die Unterzeichnung des Maastricht-Vertrages, mit dem das Parlament mehr Macht gegenüber den anderen EU-Institutionen erhielt. Sein Nachfolger, der Düsseldorfer SPD-Politiker Klaus Hänsch (1994-1997) setzte gegen viel Widerstand die Anhörung der neuen EU-Kommissare im Europäischen Parlament durch. Dem CDU-Politiker Hans-Gert Pöttering (2007-2009) gelang es zudem, das Gremium in den G8-Prozess einzubinden.
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Lesen Sie im zweiten Teil, welche Themen den Wahlkampf in den anderen EU-Ländern bestimmen.
Weitere Informationen:
Erstveröffentlichung am 07.06.2004 |
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