Bereits 1865 besuchte der Kaufmann und spätere Entdecker Trojas, Heinrich Schliemann, das Land der aufgehenden Sonne. Aus europäischer Sicht lesen sich seine Reisenotizen noch heute wie aktuelle Beschreibungen über Japan - schwankend zwischen romantisch-verklärter Idylle und Bedrohungsängsten.
So lautete sein kritisches Resümee: "Ich glaube, dass man schon heute für den Schutz des Handels mit Japan mehr Kosten aufwendet, als es die Erträge zulassen." Daran hat sich im wesentlichen bis heute nichts geändert. Der protektionistische Schutz der EU gegenüber japanischen Produkten erzeugt langfristig mehr Kosten, als die Abschirmungsmaßnahmen für die heimische Industrie einbringen. Die weltweit agierende "Nippon Connection" führe eine gigantische Wirtschaftsschlacht, gegen die man sich wehren müsse, so europäische Schlagzeilen.
Ungleiche Handelsbeziehungen
In den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg konzentrierten sich die Beziehungen zwischen Japan und der EU zunächst auf Wirtschaftsfragen. Dabei wies besonders die Handelsbilanz zwischen beiden Wirtschaftsmächten gravierende Ungleichgewichte auf. Lag das Handelsdefizit der EU gegenüber Japan im Jahre 1970 noch bei 0,5 Milliarden Dollar, stieg es bis 1996 auf rund 20 Milliarden Dollar. Zudem besteht ein strukturelles Ungleichgewicht im Warenaustausch. So exportiert Japan immer noch eine recht schmale Palette von technologieintensiven Industrieprodukten, die hohe Ausfuhrerlöse erzielen und mit den europäischen Schlüsselindustrien konkurrieren. Zudem beklagen sich die Europäer vor allem über den hürdenreichen Zugang zum japanischen Markt - ein Vorwurf, dem sich im übrigen auch die Japaner bedienen. Darüber hinaus beträgt das Verhältnis der Direktinvestitionen zwischen Japan und der EU etwa 10:1 zugunsten Nippons.
Bereits zu Beginn der siebziger Jahre gab es zwischen der EG und Japan die ersten Verhandlungen über einen Handelsvertrag - allerdings erfolglos. Grund für das Scheitern war die restriktive Haltung der EG-Kommission in bezug auf eine einheitliche Schutzklausel. Diese war von den Mitgliedstaaten zu einer Vorbedingung für einen europäisch-japanischen Handelsvertrag gemacht worden. Nippon hingegen wollte diese "institutionalisierte Diskriminierung" nicht akzeptieren und bevorzugte daraufhin eher bilaterale Abkommen mit den einzelnen EG-Mitgliedstaaten.
Der lange Weg zum politischen Dialog
Trotz der gescheiterten Gespräche zu einem Handelsvertrag zwischen beiden Seiten verdichteten sich die europäisch-japanischen Beziehungen seit den siebziger Jahren jedoch stetig. So wurden seit 1973 halbjährliche Gespräche zwischen den Vertretern beider Seite auf "hoher Ebene" durchgeführt. Am 18. Juli 1991 verabschiedeten beide Seiten in Den Haag eine "Gemeinsame Erklärung der EG und Japan", die folgende Vereinbarungen beinhaltete:
- Jährliche Konsultationen zwischen den Präsidenten der Kommission und des Europäischen Rates sowie dem japanischen Premierminister
- Jährliche Treffen zwischen der Kommission und der japanischen Regierung auf Ministerebene
- Halbjährliche Konsultationen zwischen den EU-Außenministern, dem EU-Kommissar für Außenbeziehungen und dem japanischen Außenminister
- Gegenseitiger Informationsaustausch über die außenpolitische Praxis beider Seiten
- zwingend notwendig ein intensivierter politischer Dialog zwischen der EU und Japan war, zeigt bereits die Krise um Kuwait und der Golfkrieg zu Beginn der neunziger Jahre. Der sicherheitspolitische Dialog zwischen beiden Seiten führte außerdem dazu, dass sich beide Seiten in Fragen der Abrüstung und der Nichtverbreitung von Nuklearwaffen annäherten. Zudem führte dieser Dialog dazu, dass sich Japan und die EU verstärkt über humanitäre Maßnahmen und Sanktionen abstimmen sowie erste Kooperationsversuche in der Umwelt- und Entwicklungspolitik unternahmen.
Deutsch-Japanische Wirtschaftsbeziehungen
Lange Zeit galt Japan nach den USA als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, musste diesen Platz aber nun an China abtreten. Insgesamt erwirtschaftet das Land der aufgehenden Sonne etwa acht Prozent des jährlichen Welteinkommens; dennoch zählt es nicht zu den wichtigsten deutschen Außenhandelspartnern. Im Jahre 2010 lieferten deutsche Unternehmen Güter im Wert von 13,1 Milliarden Euro nach Japan - vor allem chemische Erzeugnisse, Autos und Maschinen. Dem gegenüber standen Importe aus Japan im Wert von 22,1 Milliarden Euro - vor allem elektronische Produkte wie Computer und Fernseher sowie Maschinen und Kraftfahrzeuge.
Auch die Importe von japanischen Lebensmitteln ist geringer als allgemein angenommen. Von allen Lebensmittelimporten nach Deutschland sind nur 0,1 Prozent japanischen Ursprungs. Allein im Jahre 2010 importierte Deutschland etwa 60 Tonnen Fisch aus Japan - hinzu kamen Ingwer, Algen, Reis und Soja-Soße. Die Reaktorkatastrophe von Fukushima im März 2011 hat den deutsch-japanischen Handel zudem weiter stark beeinträchtigt.
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Wirtschaftsbeziehungen mit Hürden
Trotz des intensivierten politischen Dialogs zwischen der EU und Japan blieben die wirtschaftlichen Konflikte zwischen beiden Seiten bestehen. Besonders die Europäer warfen Nippon wiederholt einen hürdenreichen Marktzugang vor. Häufig genannt wurden mangelnde Markttransparenz, hohe Kosten für Informationsgewinnung, extrem lange Vorlaufzeiten für Produkte, langwierige technische Qualitätskontrollen und extrem hohe Investitionskosten durch die Explosion der Bodenpreise. Doch sind diese Argumente oftmals nur ein Vorwand für mangelndes Interesse seitens der Europäer.
Europa-Strategien der Japaner
Der Höhenflug des japanischen Yen, zunehmende Handelsstreitigkeiten mit der EG und der 1993 verwirklichte Europäische Binnenmarkt führten allerdings zu einer neuen Europa-Strategie Japans. Demnach nimmt die japanische Geschäftswelt die EU als Einheit ernst und entdeckt Europa neu. Nach dem Exportboom der siebziger und achtziger Jahre folgte nun ein massiver Investitionsschub. So bauten die japanischen Unternehmen nicht nur europaweite Netze für den Vertrieb und den Informationsaustausch auf, sondern brachten auch Zuliefersysteme nach Europa.
Vor allem das wiedervereinte Deutschland geriet zunehmend in das Blickfeld japanischer Investitionsinteressen. So sollte der Hauptstützpunkt des japanischen Europa-Engagements mittelfristig von London nach Berlin verlegt werden. Neben einem besonderen Interesse an den neuen Bundesländern auf dem Gebiet der ehemaligen DDR wurden vor allem die Marktgröße der Bundesrepublik, die ausgezeichnete Infrastruktur und die zentrale mitteleuropäische Lage Deutschlands als besondere Standortvorteile benannt. Zudem nimmt Deutschland in der japanischen Exportstatistik mit sechs Prozent unverändert den zweiten Platz hinter den USA ein und ist damit der bedeutendste Handelspartner Nippons in Europa. Doch auch wenn Wirtschaftsexperten mit der Asienkrise ein Ende der "Japan AG" weissagten - die japanische Wirtschaftskraft hat beleibe noch nicht ihre Grenzen erreicht.
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Erstveröffentlichung am 12.08.2002 |
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