Estland: "E-stonias" Profil als osteuropäischer Internetstaat
Mit dem Handy die Busfahrkarte bezahlen, die Steuererklärung per Internet abgeben oder an der digitalen Wahlurne abstimmen - Estland ist verliebt in die neuen Möglichkeiten. Gerade mal 1,4 Millionen Menschen leben in der Balten-Republik, doch für internationale Ideengeber ist sie ein nahezu idealer europäischer Testmarkt. So probiert Nokia dort seine neuen Handy-Anwendungen aus und Biotechnik-Pioniere finanzieren ein weltweit einzigartiges Gen-Datenbankprojekt. Und dennoch: Noch immer muss Estland noch mit den missratenen Überbleibseln der Planwirtschaft aus Sowjetzeiten kämpfen.
Trotzdem beeindrucken sind die Wirtschaftsdaten: Das Bruttoinlandsprodukt hat 2003 um sechs Prozent zugelegt und die estnische Währung gilt als stabil. Dabei setzen die Esten schon seit Jahren wirtschaftspolitisch auf Verständlichkeit: Rechtlich sind einheimische und ausländische Investoren völlig gleichgestellt und das Steuersystem gilt unter Experten als eines der einfachsten in Europa - mit einem paradiesischen Spitzensatz von 26 Prozent.
Deutsche Investoren sind dennoch selten. So rangiert Deutschland mit gerade mal zwei Prozent am Gesamthandelsvolumen international auf Platz acht - noch hinter den USA und den Niederlanden. Anders hingegen die skandinavischen Länder, die ihre Chancen bereits sehr viel früher erkannt haben und heute fest im estnischen Markt verankert sind. Denn Estland scheint ein gutes Beispiel dafür zu sein, wie progressiv Europa sein kann.
Lettland: Wirtschaftsboom nach 50 Jahren Sowjetherrschaft
In Lettland zeigt der Wirtschaftstrend steil nach oben. Nicht nur, dass die Letten ihrer eigenen Wirtschaft vertrauen - das nötige Kapital haben sie bereits im In- und Ausland gesammelt. Investiert wird derzeit viel: Glitzernde Einkaufszentren und neue Bürohäuser, teure Haushaltsgeräte und Westautos. Branchen wie der Einzelhandel und die Bauindustrie freuen über zweistellige Zuwachsraten - das Bruttoinlandsprodukt hat 2003 um 7,5 Prozent zugelegt.
Die Kehrseite der Medaille ist die einseitige Konzentration der Wirtschaft und des Wohlstandes auf die lettische Hauptstadt Riga. So liegt die Arbeitslosigkeit in den ländlichen Regionen teilweise noch bei 15 Prozent, die Bürger überleben meist mittels Landwirtschaft für den Eigenbedarf und durch Gelegenheitsjobs.
Ein weiteres Problem ist der Kampf gegen Korruption und Misswirtschaft in der öffentlichen Verwaltung. Transparency International zählt Lettland auch im jüngsten Jahresbericht zu den Schlusslichtern Europas. Für internationale Experten ist das allerdings nichts neues, da die Balten-Republik in den letzten zwölf Jahren ihr komplettes Wirtschaftsrecht erneuern musste.
Litauen: Europameister im Wirtschaftswachstum
"Made in Germany" verkauft sich derzeit gut bei den 3,4 Millionen Litauern und Gebrauchtwagen spielen dabei immer noch eine wichtige Rolle. Allerdings sind deutsche Kekse und Saft genauso beliebt wie russisches Mineralwasser. Politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich veränderte sich die ehemalige Sowjetrepublik in den letzten zwölf Jahren in einem ungewöhnlich rasanten Tempo. Und mit einem Wirtschaftswachstum ist Litauen sogar Europameister noch vor allen anderen EU-Beitrittskandidaten.
Litauen hat sich deutlich in Richtung Westen ausgerichtet: Ein neues westliches Energienetz soll die Abhängigkeit von Russland brechen und man hat die Landeswährung Litas an den Euro gekoppelt. Zudem sind Lasertechnik, Computertechnologie und Tourismus zukunftsträchtige Schlagworte, mit denen die litauische Regierung international für ihr Land wirbt.
Viele Firmen warten bereits auf den Geldsegen aus Brüssel. Mit dem EU-Beitritt Litauens fließen die europäischen Mittel besonders in Bereiche wie Infrastruktur und Bau, Umwelt und Technologie. Dennoch wird es nach Meinung von Experten wohl noch Jahrzehnte dauern, bis Litauens Alltagsleben auch ökonomisch dem von Westeuropa gleicht.
Zypern: Teilung trübt den EU-Beitritt
Wirtschaftlich und politisch steckt das künftige EU-Mitglied Zypern in einer eigenartigen und gleichzeitig schwierigen Situation: Seit 1974 ist die drittgrößte Mittelmeerinsel geteilt. Während der griechische Süden im Vergleich zu den meisten anderen Beitrittskandidaten wirtschaftlich blüht, gilt der türkische Norden als eine Art Zeitbombe für die wirtschaftliche Zukunft des Landes. Einerseits wollen die als reich geltenden Griechen die Wiedervereinigung der Insel, andererseits fürchten sich viele vor den Folgen eines Zusammenschlusses.
Obwohl bereits Parallelen zur deutschen Wiedervereinigung gezogen werden, ist eine politische Lösung derzeit noch nicht in Sicht. Zudem scheinen die Kosten und die Folgen einer Wiedervereinigung - zumindest auf politischer Ebene - derzeit niemanden zu interessieren, weder in Brüssel noch in Nikosia. Sollte die Teilung Zyperns nicht bis zum 1. Mai überwunden sein, wird nur der griechische Süden Vollmitglied der EU werden.
Malta: Klein aber oho
Als die Malteser im März 2003 knapp für den EU-Beitritt ihres Landes stimmten, feierten tausende Menschen in den Straßen der Hauptstadt La Valletta. Die ehemalige britische Kronkolonie gilt nicht nur als reichstes der künftigen EU-Mitglieder. Die Mittelmeerinsel liegt zwischen Europa und Afrika strategisch günstig und zählt zu einem begehrten Umschlagplatz für die Containerschifffahrt.
Da Malta nicht auf Rohstoffe setzen kann und eine Landwirtschaft auf dem öden Land kaum möglich ist, sind der Tourismus, die Finanzdienstleistungen sowie die Werften und der öffentliche Sektor wichtige Wirtschaftszweige. Regierungschef Edward Fenech Adami zeigt sich optimistisch: "Es hängt von den Menschen ab, die sich ergebenden Möglichkeiten auszuschöpfen. Vereint werden wir in der Lage sein, unseren Lebensstandard zu verbessern und Fortschritt zu erzielen."
EU will weiter wachsen
Die EU ist mit 25 Mitglieder noch nicht an ihre Grenzen gestoßen. Rumänien und Bulgarien werden 2007 ebenfalls beitreten werden, das ist bereits beschlossene Sache. Bis Ende des Jahres wollen die Staats- und Regierungschefs entscheiden, ob man auch mit der Türkei über eine Aufnahme verhandeln wird. Auch andere Länder stehen bereits in den Startlöchern: Die EU hat bereits im Juni 2003 den westlichen Balkanstaaten Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien und Albanien eine "europäische Perspektive" auf eine Vollmitgliedschaft ausgesprochen, ohne jedoch einen konkreten Termin zu nennen.
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Weitere Informationen:
Erstveröffentlichung am 16.02.2004 |
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