|
|
|
40 Jahre nach Élysée - eine Bestandsaufnahme
|
|
Für Konrad Adenauer - den ersten deutschen Kanzler nach dem Krieg - war es "die wichtigste Tat meiner 14jährigen Kanzlerschaft", die ganz auf eine Versöhnung mit Frankreich und die Westbindung Deutschlands ausgerichtet war. Der Élysée-Vertrag war die vorläufige Krönung eines Aussöhnungsprozesses, den Europäer wie Robert Schuman und Jean Monnet mit der Montanunion eingeleitet hatten. Charles de Gaulle - legendärer Kriegsheld der Franzosen - verlieh diesem Prozess schließlich gemeinsam mit Adenauer seine Legitimität und Akzeptanz - diesseits und jenseits des Rheins.
Dass der 40. Jahrestag ausgerechnet im Schloss von Versailles begangen wurde, zeugt letztlich vom Erfolg dieses Aussöhnungsprozesses. Denn kein anderer Ort in Frankreich hat die Beziehungen zwischen beiden Ländern so lange und schwer geprägt, wie dieser. König Ludwig XIV. - auch bekannt als der "Sonnenkönig" - ließ hier vor etwa 300 Jahren ein grandioses Schloss bauen. Es war ein Symbol der Macht, von dem die absolutistischen Fürsten Deutschlands nur träumen konnten. Ausgerechnet im Spiegelsaal dieses Schlosses wählten die deutschen Politiker aus, um 1871 - nach gewonnenem Krieg gegen Frankreich - den preußischen König Wilhelm I. zum deutschen Kaiser auszurufen.
Frankreichs Rache ließ fast 50 Jahre auf sich warten, ehe 1919 in Versailles der Vertrag unterzeichnet wurde, der den Ersten Weltkrieg beendete und der ersten deutschen Republik eine so hohe moralische und materielle Reparationslast aufbürdete, dass sie zu einer Ursachen für den Aufstieg Hitlers und zur Katastrophe des Zweiten Weltkrieges führte.
Élysée: ein Fundament für die europäische Integration
Heute - mehr als 55 Jahre nach Kriegsende - scheint in die deutsch-französischen Beziehungen so etwas wie alltägliche Routine eingekehrt zu sein. Bilder wie der Händedruck Helmut Kohls und François Mitterands über den Kriegsgräbern von Verdun wirken heute eher wie Klischees. Doch ist der Prozess der deutsch-französischen Verständigung kein Selbstläufer. Er wurde immer wieder von den Politikern beider Länder vorangetrieben mit dem Ziel, die Erbfeindschaft nach drei Kriegen binnen 75 Jahren endgültig zu überwinden. Dass ausgerechnet gleich drei Bundeskanzler mit ihren Kollegen im Élysée-Palast besonders gut konnten, mag ein Glücksfall der Geschichte sein. Doch bildete der Freundschaftsvertrag das Fundament, auf dem die Regierungen von Valéry Giscard d'Estaing und Helmut Schmidt sowie von François Mitterand und Helmut Kohl aufbauen konnten. Ohne diese Grundlage wären Projekte wie die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion wohl kaum möglich gewesen.
Deutsch-Französische Zusammenarbeit
Der Élysée-Vertrag legte nicht nur die enge Zusammenarbeit zwischen den beiden Regierungen fest. Das deutsch-französische Verhältnis lebt mittlerweile von einem dichten Netzwerk bilateraler Institutionen - vor allem auf den Gebieten Kultur, Forschung und Bildung. Hier einige Beispiele:
- Deutsch-Französisches Jugendwerk (DFJW): Wer eine "Erbfeindschaft" zwischen zwei Ländern beenden will, muss die Jugend miteinander versöhnen. Dies ist das Ziel des DFJW, dass bereits im Élysée-Vertrag 1963 vereinbart wurde. Seitdem haben mittlerweile etwa sieben Millionen Deutsche und Franzosen unter 30 Jahren an den DFJW-Projekten teilgenommen hatten. Pro Jahr werden rund 7.000 deutsch-französische Begegnungen gefördert. Neben dem Austausch von Schülern und Studenten organisieren 70 Mitarbeiter in Berlin und Paris auch eigene Veranstaltungen, zum Beispiel Diskjockey-Wettbewerbe, Jugendfestivals oder Kolloquien. Beide Regierungen lassen sich das DFJW jährlich 20,5 Millionen Euro kosten - soviel wie schon 1963, die Inflation nie eingerechnet.
- ARTE: Gute Freunde haben oftmals eine Vorliebe für das gleiche Fernsehprogramm. Im Mai 1992 ging der deutsch-französische Kulturkanal "arte" auf Sendung. Seinen Sitz hat der Sender in Straßburg, Paris und Baden-Baden. In Deutschland wird er von ARD und ZDF betrieben. Der Sender gilt zwar als Vorzeigeobjekt für die bilaterale Zusammenarbeit. Ob er jedoch wirklich völkerverbindend ist, bleibt unklar. Denn in Deutschland beträgt der Marktanteil von "arte" gerade mal 0,8 Prozent.
- Städtepartnerschaften: Bereits 1950 besiegelten Ludwigsburg und Montbélliard eine Städtepartnerschaft. Damit wollten die Lokalpolitiker die Bewahrung des Friedens nicht mehr nur den Regierungen überlassen. Vielmehr sollten die Kommunen Begegnungen ihrer Bürger organisieren, um aus den früheren Kriegsgegnern Freunde werden zu lassen. Bis heute haben 1.879 Gemeinden, Städte und Kreise in Deutschland unbefristete Partnerschaftsverträge mit französischen Partnern geschlossen. Dem Rat der Gemeinden und Regionen Europas zufolge ist eine unbefristete Städtepartnerschaft jedoch kein vorrangiges Ziel mehr für die Kommunalpolitiker. Vielmehr werden nun zeitlich begrenzte Projekte - etwa im Umweltschutz - gefördert.
- Eurokorps: Nachdem sich deutsche und französische Soldaten in drei Kriegen feindlich gegenüberstanden, lautet nun gegenseitiges Kennenlernen beim Truppenaustausch und Zusammenarbeit der Befehl. Seit 1988 treffen sich die Militärpolitiker in einem gemeinsamen Wirtschafts- und Sicherheitsrat. Später wurde eine deutsch-französische Brigade gegründet, die dem Eurokorps unterstellt wurde. Noch 2003 soll auch eine schnelle Eingreiftruppe der Europäer mit 60.000 Soldaten bereitstehen.
- GEZ: Seit 1999 unterhalten Deutschland und Frankreich im südbadischen Kehl das "Gemeinsame Zentrum der deutsch-französischen Polizei und Zollzusammenarbeit (GEZ)". Seine Aufgabe: es soll den internationalen Austausch unter den Behörden beider Länder koordinieren. Die Behörde ist rund um die Uhr besetzt, 48 Beamte von Zoll, Grenzschutz und Polizei versehen dort ihren Dienst. Ihre Einsatzgebiete: auf deutscher Seite die Regierungsbezirke Freiburg und Karlsruhe, die Polizeipräsidien Rhein- und Westpfalz sowie das Saarland; auf französischer Seite die Départements Hochrhein, Niederrhein und Mosel. Gleichberechtigte Amtssprachen sind Deutsch und Französisch und wechseln wöchentlich.
- Weitere Einrichtungen: Darüber hinaus existieren noch zahlreiche weitere bilaterale Institutionen. Im Juni 2000 konstitutierte sich eine deutsch-französische Filmakademie. In Saarbrücken gibt es deutsch-französische Gymnasien - in Saarbrücken zudem auch eine Deutsch-Französische Hochschule. Zudem bemühen sich die Goethe-Institute und die Instituts Français außerhalb der Schulen um Sprache und Kultur des Nachbarlandes.
Der "Motor Europas"
Trotz mancher Meinungsverschiedenheiten und Belastungsproben gelten die deutsch-französischen Beziehungen noch immer als "Motor Europas". Wiederholt demonstrierten Bundeskanzler Gerhard Schröder und der französische Staatspräsident Jacques Chirac, dass der Wille zu einer gemeinsamen Führung in der EU. Noch immer werden die deutsch-französischen Vorschläge zur Reform der Agrarpolitik oder zum EU-Beitritt der Türkei von den kleineren Staaten als Grundlage für ihre Entscheidungen in heiklen politischen Fragen.
Der Umstand, dass Deutschland und Frankreich - wie in der europäischen Verfassungsdebatte - oftmals stark unterschiedliche Ausgangspositionen einnahmen, fördert Kompromisse, auf die sich auch die EU verständigen kann. Ziehen Deutschland und Frankreich an einem Strang, können sie in Europa mehr bewegen als allein oder mit anderen Partnern.
Europapolitiker in Frankreich denken derweil schon an einen deutsch-französischen Staatenbund. Der sozialistische Abgeordnete Jean-Louis Bianco - früher ein enger Mitarbeiter des ehemaligen Staatspräsidenten François Mitterand - plädiert für gemeinsame Kabinettssitzungen und Parlamentsdebatten. Denn die erweiterte EU wird Deutschland und Frankreich als Vorreiter noch dringender brauchen als heute.
| Kurzinfo: Élysée-Vertrag |
|
|
Der Deutsch-Französische Freundschaftsvertrag - auch Élysée-Vertrag genannt - wurde am 22. Januar 1963 von Bundeskanzler Konrad Adenauer und dem französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle im Élysée-Palast von Paris unterzeichnet. Dieser sollte beide Staaten nach jahrhundertelanger "Erbfeindschaft" und verlustreichen Kriegen wieder zusammenführen. Demnach sind beide Regierungen zu Konsultationen in allen wichtigen Fragen der Außen-, Sicherheits-, Jugend- und Kulturpolitik verpflichtet. Zudem wurden regelmäßige Treffen auf Regierungsebene vereinbart.
Der Vertrag trat am 2. Juli 1963 in Kraft. Drei Tage später - am 5. Juli 1963 - wurde zudem das Gründungsabkommen für das Deutsch-Französische Jugendwerk unterzeichnet. In der Folgezeit entstanden zahlreiche Städtepartnerschaften sowie Partnerschaften zwischen Sulen und Vereinen. Im Jahre 1988 setzten Bundeskanzler Helmut Kohl und der französische Staatspräsident François Mitterrand einen Deutsch-Französischen Verteidigungs- und Sicherheitsrat sowie einen Rat zur Wirtschafts-, Finanz- und Währungspolitik ein.
Für eine kurzzeitige Verstimmung sorgte jedoch eine Präambel, die dem Vertrag von deutscher Seite vor der Ratifizierung hinzugefügt wurde. Darin erklärte die deutsche Seite ihren Willen zur Aufnahme Großbritanniens in die EWG und ihre enge Anbindung an die Vereinigten Staaten von Amerika. Die französische Regierung wollte mit dem Vertrag die Position Europas gegenüber den USA stärken.
|
Weitere Informationen:
Erstveröffentlichung am 03.02.2003 |
|
nach oben - Druckversion - Haftungsausschluss - Sitemap
|
|
|