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"Absurdes Theater" in Belfast

Der Friedensprozess ist tot - es lebe der Friedensprozess. Auf jeden Durchbruch folgt ein Rückschlag - nach diesen Regeln läuft es im Nordirland-Konflikt schon seit Jahren. Vor einigen Tagen brachten es die Konfliktparteien binnen zehn Stunden fertig, auf einen Durchbruch wieder einen Rückschlag folgen zu lassen. Britische Regierungskreise sprachen bereits von einem "absurden Theater".

Rund ein Jahr nach der Aussetzung der Selbstverwaltung in Nordirland deuteten die Zeichen Anfang der Woche wieder zunächst wieder auf einen hoffnungsvollen Neuanfang. Nachdem die geplanten Wahlen zu einem Regionalparlament in der Provinz immer wieder durch die Streitigkeiten zwischen den Volksgruppen verschoben wurden, sollen diese nun am 26. November endlich stattfinden. Dies kündigten der britische Premierminister Tony Blair und sein irischer Amtskollege in Belfast an. Noch am gleichen Tag hatte die Untergrundorganisation "Irisch-Republikanische Armee" (IRA) angekündigt, ihr Waffenarsenal weiter zu "entsorgen".

Enttäuscht über "Entwaffnungsgeste"

Am gleichen Abend jedoch, stand der so hoffnungsvoll begonnene Neuanfang im nordirischen Friedensprozess wieder auf der Kippe. Protestantenführer David Trimble unterbrach den bis dato so reibungslosen Ablauf einer Serie von gegenseitigen Zugeständnissen zwischen Katholiken und Protestanten. Er sei "enttäuscht" über die vorangegangene Entwaffnungsgeste der IRA, so Trimble. "Wir haben keinen klaren transparenten Bericht von einer einschneidenden Entwaffnungshandlung bekommen", sagte er. Und bevor sich dies nicht geändert habe, werde er den mit der britischen und irischen Regierung vereinbarten Annäherungsprozess nicht fortsetzen, erklärte der Protestantenführer.

Blair und Ahern zeigten sich indes tief "enttäuscht" über Trimble. "Ehrlich gesagt, das ist mehr als frustrierend für uns", sagte der britische Premier in Belfast. Zwar werden man die Probleme jetzt nicht so schnell lösen können, werde es aber weiter versuchen. Die für Ende November angesetzten Regionalwahlen würden aber trotzdem abgehalten, versicherte Blair. Auch Gerry Adams - Präsident der IRA-nahen "Sinn Féin" - zeigte sich tief enttäuscht über Trimble. Man stecke nun "in ziemlich erheblichen Schwierigkeiten".

"Unglaubliche Panne"

Während britische Regierungskreise von einem "absurden Theater" sprachen, war in der Presse von einem "unglaublichen Theater" die Rede. So titelte die konservative "Times": Blairs "vorsichtig einstudierter Versöhnungsversuch" sei "nach hinten losgegangen". Für die linksliberale "Guardian" steckt der Friedensprozess mal wieder in der "Krise" und für den "Independent" liegt ein potenziell "historischer Tag in Trümmern".

Doch in Nordirland geht es letztlich auch ums Detail. Wenn sich schon eine Seite nicht so bewegt wie erwartet, ist das gesamte ausbalancierte Kompromissgebäude vom Einsturz bedroht. Schließlich kann es sich niemand leisten, nachsichtig zu sein. So müsste Trimble fürchten, sofort von seiner eigenen Partei entmachtet oder von den radikalprotestantischen Gruppierungen überholt zu werden. Und Adams muss damit rechnen, dass die Anhänger der IRA ihm "Verrat" vorwerfen werden.

Eines haben beide jedenfalls gemeinsam: sie fühlen sich vom anderen hintergangen. Und im Kreise der Getreuen dürften beide Politiker durchaus ähnliches gehört haben - dass man dem anderen doch eben nie auftreten würde.

Kurzinfo: Nordirland-Konflikt
Der Nordirland-Konflikt - auf Englisch auch "The Troubles" und irisch "Na Trioblóidí" genannt - bezeichnet die bewaffneten Auseinandersetzungen in der britischen Provinz Nordirland zwischen 1969 und 1998. Bei diesem Konflikt handelt es sich vor allem um einen Machtkampf zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen der englisch- und schottischstämmigen, unionistischen Protestanten sowie den überwiegend irisch-nationalistischen Katholiken. Bis heute sind die politischen und sozialen Einstellungen vieler Menschen durch den Konflikt geprägt.

Ihren Ursprung hat diese Auseinandersetzung in der Unabhängigkeit der Republik Irland von Großbritannien um 1920/21. Gegen Ende der 1960er-Jahre eskalierte jedoch die Gewalt zwischen beiden Seiten. Auch wenn die Zahl der Beteiligten eher klein war und die paramilitärischen Organisationen keineswegs die Bevölkerung vertraten, waren zahlreiche Menschen unmittelbar von diesem Konflikt betroffen. So starben fast 4.000 Menschen - zumeist Zivilisten - durch die Gewalt.

Erst das Karfreitagsabkommen vom 10. April 1998 beendete den militärischen Konflikt zwischen beiden Seiten. So verzichtete Irland auf eine Wiedervereinigung mit Nordirland, während die Präsenz britischer Truppen verringert wurde. Die paramilitärischen Truppen der Irish Republican Army (IRA), der Ulster Defence Association (UDA) und der Ulster Volunteer Force (UVF) erklärten sich außerdem dazu bereit, ihre Waffen abzugeben.

Dennoch schwelt der Konflikt weiter: während die mehrheitlich katholischen Nationalisten eine Loslösung von Großbritannien und eine Vereinigung mit der Republik Irland anstreben, wollen die mehrheitlich protestantischen Unionisten Teil des britischen Königreichs bleiben. Zudem hält das Karfreitagsabkommen die Möglichkeit einer Wiedervereinigung mit der Republik Irland ausdrücklich offen, wenn sich die Mehrheit der Nordiren dafür ausspricht. Das ist bislang noch nicht der Fall.

Weitere Informationen:

 Erstveröffentlichung am 24.10.2003


© Tobias Daniel - alle Rechte vorbehalten


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