Vom Terroristen zum Friedensnobelpreisträger
Palästinenserführer Arafat starb so, wie er Jahrzehnte lang gelebt hatte - im zähen Kampf ums Überleben und im Exil. Dennoch war sein Leben die "palästinensische Sache". Mit ihr sei er verheiratet, sagte Arafat einmal ohne Ironie. Sein größter Traum war die Errichtung eines eigenen Palästinenser-Staates. Über den Anfang des von Mythen umwobenen Lebensweges der "Sphinx von Gaza" liegt jedoch im Dunkeln. Geboren wurde Rahman Abdel Rauf Arafat al Kudwa al Husseini im Jahre 1929 vermutlich in Kairo. Als seinen Geburtsort nannte er aber Jerusalem - das Symbol des palästinensischen Unabhängigkeitsstrebens und von den Moslems als "Al Kuds" ("Die Heilige") bezeichnet.
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Seine Mutter Sahwa starb bereits, als er erst vier Jahre alt war. Sein Vater - ein reicher Textilhändler - schickte ihn zunächst zu einem Onkel nach Jerusalem. Den politischen Werdegang begann Arafat nach einem Ingenieursstudium in Kairo als Studentenführer im damals ägyptisch verwalteten Gazastreifen. Als ägyptischer Offizier kämpfte er 1956 im zweiten Nahost-Krieg gegen Israel. Nach mehreren Jahren in Kuwait, wo er als Bauingenieur sehr erfolgreich war, kehrte er in den Gaza-Streifen zurück und gründete dort die Fatah-Bewegung, die er fast vier Jahrzehnte lang führen sollte. Im Jahre 1969 wurde er Chef der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO). Trotz heftiger Kontroversen um seine Person und seiner als politisch gemäßigt geltenden Linie wurde Arafat jedoch immer wieder im Amt bestätigt.
Von Jordanien aus bekämpfte seine Organisation Israel mit Terror, bis sich König Hussein von den palästinensischen Gruppierungen bedroht fühlte. Im "Schwarzen September" 1970 schlugen jordanische Truppen einen Aufstand der Palästinenser nieder. Aus ihrem neuen Unterschlupf in Beirut wurde die PLO-Führung 1982 während des Bürgerkrieges im Libanon erneut vertrieben. Seine letzte Exilstation fand Arafat in Tunesien, wo er die 34 Jahre jüngere blondierte Sekretärin Suha Tawil heiratete. Allerdings war sie in den Palästinensergebieten immer sehr unbeliebt. Später geriet sie wegen ihres verschwenderischen Lebensstils und der angeblichen Unterschlagung von EU-Hilfsgeldern in die Kritik.
Auf dem Höhepunkt der ersten Intifada proklamierte Arafat 1988 in Algerien den unabhängigen "Staat Palästina". Gleichzeitig akzeptierte der palästinensische Nationalrat unter seiner Führung die UN-Resolution 242 und erkannte damit das Existenzrecht Israels an. Außerdem schwor Arafat auf Druck der USA öffentlich "allen Formen des Terrorismus" ab. 1991 geriet der PLO-Führer allerdings in die Kritik, als er sich während des Golfkrieges hinter den damaligen irakischen Präsidenten Saddam Hussein stellte. Israel selbst erklärte sich erst 1993 dazu bereit, mit den PLO-Vertretern direkt zu verhandeln - es folgte die palästinensische Teilautonomie im Gaza-Streifen und in Jericho im Westjordanland. Arafat konnte nun in seine Heimat zurückkehren und wurde drei Jahre später offiziell zum Präsidenten gewählt. Das Friedensabkommen zwischen Israel und der PLO wurde bereits als Ende eines Jahrhundertkonflikts gefeiert - Arafat erhielt dafür im Jahre 1994 zusammen mit dem damaligen israelischen Ministerpräsidenten Jitzhak Rabin und Außenminister Shimon Peres den Friedensnobelpreis.
Nach dem Scheitern der Friedenskonferenz von Camp David und dem Beginn der zweiten Intifada im Jahre 2000 besiegelten jedoch den politischen Abstieg Arafats. Nach den blutigen Bombenanschlägen von Haifa und Jerusalem 2001 wurde der Palästinenserpräsident an seinem Amtssitz in Ramallah unter Hausarrest gestellt, den Israel erst wenige Tage vor dessen Tod wieder aufhob. Arafats sehnlichster Traum, vor seinem Tod in Jerusalem - in der Hauptstadt eines unabhängigen Palästinas - zu beten, blieb ein Traum.
Die neuen palästinensischen Köpfe
Nach dem Tode Arafats haben die Palästinenser ihre Führungspositionen neu besetzt. Da er jedoch keinen Nachfolger ernannt hat, befürchten viele Israelis und Palästinenser nun einen erbitterten und gewaltsamen Machtkampf in der Region. Die wichtigsten Positionen teilen sich derzeit vier Politiker, die auch als Nachfolger Arafats als Palästinenserpräsident gelten:
- Rauhi Fattuh: Der Übergangspräsident gehörte bislang nicht zum inneren Führungszirkel. Jahrelang war der 56-Jährige ein enger Vertrauter Arafats. In den Palästinensergebieten gilt er jedoch als farbloser Bürokrat. Als Parlamentspräsident überraschte er jedoch viele, als er aus Protest gegen Arafats Reformverweigerung die Sitzungen des Abgeordnetenhauses wochenlang aussetzte.
- Mahmud Abbas: Der ehemalige Ministerpräsident und langjährige Weggefährte Arafats ist neuer Vorsitzender des Exekutivkomitees der PLO. Der 69-Jährige hatte sich in den vergangenen Jahren für einen gewaltlosen Widerstand gegen die israelische Besatzung eingesetzt. Der als "Abu Masen" bekannte Mitbegründer der PLO galt stets als Arafats Vize. Während seiner Amtszeit als Regierungschef kam es wiederholt zu einem Machtkampf mit Arafat.
- Ahmed Kureia: Der palästinensische Ministerpräsident leitet nun auch den Nationalen Sicherheitsrat. Er war an fast allen Friedensgesprächen mit Israel beteiligt und gilt als ermäßigt. Auch zwischen ihm und Arafat kam es immer wieder zu Konflikten über die Frage der Machtaufteilung.
- Faruk Kaddumi: Der neue Generalsekretär der Fatah - der größten Gruppe innerhalb der PLO - leitete bislang die politische Abteilung der Palästinensischen Befreiungsorganisation. Als enger Getreuer baute er in der ganzen Welt diplomatische Beziehungen der PLO auf. In den neunziger Jahren stellte er sich jedoch gegen den Friedensprozess mit Israel und warf Arafat vor, die Ansprüche der Palästinenser aufzugeben. Kaddumi ist jedoch kein Machtpolitiker - vielmehr könnte er als Marionette dienen, während andere im Hintergrund die Fäden ziehen.
Weitere Kandidaten um die Nachfolge Arafats
- Marwan Barghuthi: Der feurige Redner gilt als volksnaher Anführer der seit 2000 andauernden Intifada und als Koordinator des ersten Aufstandes, der 1993 zu Ende ging. Er verfügt über eine geradezu magnetische Ausstrahlung und gilt als zweitbeliebtester Politiker nach Arafat - auch, weil er nicht wie viele andere im Umfeld Arafats unter Korruptionsverdacht steht. Zur Zeit sitzt er wegen fünf Mordanschlägen eine lebenslange Haftstrafe ab, bestreitet jedoch seine Schuld.
- Mohammed Dalan: Der frühere Innenminister und Sicherheitschef im Gaza-Streifen ist derzeit ohne Amt. In dem von rivalisierenden Gruppen beherrschten Gebiet verfügt er jedoch über eine große Macht. Besonders die reformorientierten Palästinenser der jüngeren Generation halten Dalan für einen ernstzunehmenden Herausforderer der alten Machthaber um Arafat. Internationale Beobachter trauen im zu, nach einem Rückzug der israelischen Truppen aus dem Gaza-Streifen für Ruhe und Ordnung zu sorgen.
Am 9. Januar 2005 sollen die Palästinenser nun einen neuen Präsidenten wählen. Der organisatorische Aufwand ist jedoch enorm, wobei noch nicht mal sicher ist, wer überhaupt stimmberechtigt ist.
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Kurzinfo: Palästinenser-Organisationen Fatah und Hamas |
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Innerhalb der Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) stellen die Fatah und die Hamas die größten Fraktionen. Ihre wichtigsten Positionen im Überblick:
- Das Ziel der am 10. Oktober 1959 gegründeten Fatah ist ein unabhängiger Palästinenserstaat mit vollen Souveränitätsrechten. Bis 2004 wurde das Bild der säkularen Bewegung von ihrem Gründer Jassir Arafat geprägt und setzte sich zunächst gewaltsam für ein Palästina in den historischen Grenzen ein. Mit der Anerkennung Israels im Jahre 1988 änderte die Fatah jedoch ihre Charta: Heute strebt sie mit friedlichen Mitteln einen unabhängiges Palästina in den Grenzen von 1967 an.
- Die radikalislamische Hamas wurde 1987 gegründet und fordert in ihrer Charta die Zerstörung des Staates Israel. Zudem strebt sie gewaltsam die Errichtung eines islamischen Palästina vom Jordan bis zum Mittelmeer an. So verübte die Organisation bereits Dutzende Anschläge auf Israelis, wodurch sie unter anderem von Deutschland, der Europäischen Union (EU) oder den Vereinten Nationen (UNO) als terroristische Vereinigung eingestuft wird. Schätzungen zufolge gehören der Hamas etwa 40.000 Kämpfer an.
Der Konflikt zwischen Fatah und Hamas hat faktisch zu einer Teilung der Palästinensischen Autonomiegebiete geführt: So kontrolliert die Hamas seit 2007 den Gazastreifen - die Fatah das Westjordanland. Anfang Mai 2011 unterschrieben beide Konfliktparteien ein Versöhnungsabkommen, welches zu einer ersten Annäherung der Palästinenser-Organisationen führte.
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Weitere Informationen:
Erstveröffentlichung am 15.11.2004 |
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